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Donnerstag, 19. Oktober 2017

Carmilla








Carmilla*, Joseph Sheridan LeFanu
(1872)


Inhalt:
 Die Erzählerin der Geschichte, Laura, lebt zusammen mit ihrem Vater in einem abgelegenen Schloss in der Steiermark. Ihr Vater, aus dem Dienst der österreichischen Armee entlassen, erwarb das Gemäuer günstig um sich hier niederzulassen anstatt in die Heimat zurückzukehren. Das Leben dort ist Einsam, einzige Abwechslung bieten gelegentliche Besucher. Einer dieser Besucher, General Spielsdorf, sagt aber zu Lauras großer Enttäuschung unmittelbar vor seiner erwarteten Ankunft seinen Besuch ab, der sich in Trauer befindet; seine Nichte welche in Lauras Alter war, verstarb unerwartet aus ungeklärten Gründen.
 Diese Botschaft hat ihr Vater Laura kaum eröffnet, da werden die beiden Zeugen eines Unfalls. Eine Kutsche geht kurz vor ihrem Anwesen durch, die Pferde scheuen nahe der zufahrt und stürzen die Kutsche mit Passagieren.
 Bei dem Unfall gibt es keine Verletzten, die Passagiere eine junge Frau und ihre Mutter, bleiben unversehrt. Die Mutter eröffnet Lauras Vater dass sie ihre Tochter, welche durch eine Krankheit bereits angeschlagen ist, aufgrund des Schocks nicht wird weiter Reisen können, sie selbst jedoch aufgrund dringender Angelegenheiten das Land für mehrer Monate verlassen muss, und tut ihre Absicht kund diese ihm nächst gelegenen Dorf unterzubringen. Lauras Vater, auf drängen der Tochter welche sich darauf eingerichtet hatte Zeit mit  General Spielsdorfs Nichte verbringen, erbittet indes von der Frau ihre Tochter der Pflege seiner Bediensteten und seiner eigenen Tochter zu überlassen.
 Die Frau stimmt dem zu, nimmt Lauras Vater jedoch zur Seite und gibt ihm zu verstehen das ihre Tochter, Carmilla, nicht über ihre Situation oder ihre Krankheit reden kann, und bittet ihn deswegen nicht in sie zu dringen. Als die Kutsche abfährt, nimmt Laura als einzige eine dunkelhäutige Frau als weitere, bisher verborgene, Passagierin wahr welche die Frauen abfällig lächelnd mit Zorn im Blick mustert.
 Als Carmilla in ihrem Zimmer erwacht und Laura sie das erste mal richtig zu Gesicht bekommt, kommt ihr die junge Frau vertraut vor und sie fühlt sich sofort zu hin hingezogen, zugleich schreckt die Art in der Carmilla ihr offensichtliche Avancen macht sie ab.
 Carmilla erweist sich als aufgeweckte junge Frau, die durch ihre Krankheit jedoch sehr schnell Erschöpft und nur zu kurzen Ausflügen fähig ist. Nach und nach fühlt sich Laura der geheimnisvollen Carmilla immer mehr verbunden, deren Krankheit ihr in Lauras Augen eine gewisse Romantik verleiht.
 Wenige Tage nach dem Carmilla im Schloß aufgenommen wurde, scheint es das die geheimnisvolle Krankheit welche bereits die Nichte ereilte nun auch die Gegend um das Schloss von Laura Vater erreicht hat, denn mehrere junge Frauen zeigen kurz vor ihrem Tod ähnlich mysteriöse Symptome. Auch Laura wird zunehmend schwächer, zugleich befallen sie des Nachts Alpträume in denen sie im Bett von einem katzenartigen Wesen angefallen und in die Brust gebissen wird, als sie schreiend erwacht glaubt sie eine Frauengestalt am Fuße ihres Bettes zu erkennen, welche erst still wie eine Statue dasteht und dann den Raum verlässt.
 Lauras Vater schickt nach einem Doktor doch Laura erfährt nicht welche Diagnose der Arzt gestellt hat, stattdessen möchte ihr Vater sie mitnehmen zu einem Ausflug zu den Ruinen des verlassenen Gut der Karnsteins, einer einstigen Adelsfamilie mit der Laura mütterlicherseits entfernt verwandt ist. Auf dem Weg treffen sie General Spielsdorf der sie über die wahren Umstände vom Tod seiner Nichte unterrichtet, und Laura erkennt in welcher Gefahr sie schwebt.


Achtung ab hier lauern Spoiler!

Tell me does she want you, infatuate and haunt you...

 Dass LeFanus betörende Carmilla schon vor Dracula (1897) ihr Unwesen trieb war mir bereits bekannt bevor ich die Geschichte aufgriff, neu war für mich allerdings dass LeFanu offenbar seinerseits Inspiriert war von dem als unvollendet geltenden Gedicht Christabel (1797) von Samuel Taylor Coleridge, (Coleridge dürfte am bekanntesten sein für sein The Rime of the Ancient Mariner, sowie das stark vom Opiumrausch beeinflusste Kubla Khan). Dracula habe ich vor einigen Jahren gelesen, in einer alten Heyne Übersetzung und fand das Werk furchtbar trocken, weswegen ich um Carmilla immer ein wenig herumgeschlichen bin. Den Leseausschlag gab letztlich eine Gruppe der ich auf GoodReads folge, von dort stammte auch der Hinweis auf Coleridges Gedicht.

 Anders als Dracula ist Carmilla nur eine Novelle, etwa ein drittel im Umfang, und vielleicht macht dies den überlegen Charme für mich aus. Die Geschichte ist sehr direkt und flüssig erzählt, schmückt nur wenig unnötiges aus.
 Überraschend war für mich der, obwohl zurückgenommene, doch sehr klar gehaltene erotische Unterton der Geschichte welcher jedoch ganz im Dienst der tragischen Romantik zwischen Laura und Carmilla steht.

 Etwas verärgernd ist die Namensgebung im Buch ausgefallen, es gibt nicht nur den General Spielsdorf, sondern auch einen Doktor Spielsberg – da hätte etwas Variation Not getan.
 Ein Teil der Geschichte, zum Beispiel die Identität von Carmillas Mutter bleibt ungeklärt.
Ist sie ihre Mutter oder nur ein Opfer von Camillas Bann? Willige oder unwillige Helferin? Wir erfahren es nicht.
 Aber dass LeFanu nicht alles ausspricht, macht auch einen großteil der Faszination der Geschichte aus. Das gilt nicht nur für die erotische Spannung zwischen Laura und Carmilla, die so trotzdem noch genug Raum für Romantik lässt, der Autor erlaubt uns damit auch viel Freiraum zu eigenen Interpretationen, und die Lesart der gleichgeschlechtlichen Liebe als Vampirismus, als Krankheit ist da zum Glück nur eine davon. Obwohl Carmilla zum Ende hin recht klar als Wiedergänger, als Vampir klassifiziert und dann klassisch hingerichtet wird, die Geschichte erlaubt auch die Lesart einer tragischen Romanze zwischen zwei Frauen. Der General selbst erzählt dass es ihm wohl so schien, als sei auch Mircalla (Carmilla) von seiner Nichte ebenso angetan gewesen wie diese von ihr. Womöglich ist Carmillas Fluch ja echte Liebe zu verspüren, und sie selbst mehr ein tragischer Succubus, verdammt dazu jene die sie liebt zu vernichten, ohne selbst je Ruhe finden zu dürfen.
"Dearest, your little heart is wounded; think me not cruel because I obey the irresistible law of my strength and weakness; if your dear heart is wounded, my wild heart bleeds with yours. In the rapture of my enormous humiliation I live in your warm life, and you shall die--die, sweetly die--into mine."

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* Kein Originalcover.

Donnerstag, 25. Mai 2017

75 years of Casablanca

 
Heute vor 75 Jahren fiel der Startschuß zu Casablanca.


Nun ja, genaugenommen fiel der schon früher, und zwar als die Autoren Murray Burnett und Joan Alison sich daran setzten das Stück Everbody comes to Rick's zu verfassen.
Dieses landete nach der Ablehnung durch diverse Studios, letztendlich bei Warner Brothers
 It wouldn't have been the same movie, not only because it would have starred Gary Cooper at Paramount, Clark Gable at M-G-M, or Tyrone Power at Fox but because another studio's style would have been more languid, less sardonic, or opulently Technicolored.*
 und dort begann am 25.05.1942 der erste Drehtag an dem Film der für das Studio Geschichte schreiben sollte.


 Durch Casablanca wurden Richard Blaine und Ilsa Lund Teil der unsterblichen Hollywoodliebespaare, obgleich der Film  für die beiden Hauptdarsteller nur eine weitere Vertragsarbeit darstellte.
Dies nimmt sich ein wenig Ironisch für den Darsteller des Rick aus, schrieb doch ein Kritiker einst über den jungen Humphrey Bogart er sei in der Rolle des Liebhabers fehlbesetzt - nun, die Rolle des herzgebrochenen Zynikers zumindest war im wie auf den Leib geschneidert.

"We'll always have Paris. We didn't have- we... we'd lost it until you came to Casablanca."

 Entgegen der Legende, war Casablanca keine der klein Produktionen des Studios, binnen Wochenfrist abgedrehte Streifen die oft nur wenige Wochen zirkuliert wurden und dann im Archiv verschwanden. Das gehobene Budget und der Eifer mit dem Studio Chef Jack L. Warner sich darum bemühte Ingrid Bergman von David O. Selznick ausgeliehen zu bekommen für die Rolle der Ilsa Lund spricht dagegen.
 Trotzdem konnte man damals natürlich nicht ahnen das man im Begriff war einen der populärsten Hollywood Filme zu drehen welcher immer noch fester Bestandteil vieler Top 100 Listen ist.

 Was macht Casablanca aus, das es so lange in den Köpfen und Herzen der Zuschauer überlebt hat?
Die brilliante Cast hat sicher ihres dazu beigetragen, Bogart und Bergman, das Filmliebespaar ohne Zukunft, Claude Rains als aalglatter Polizeichef, sowie Paul Henreid und Conrad Veidt, es fehlt dem Film nicht an Stars, mit Sidney Greenstreet und Peter Lorre ist der Film bis hinein in die Nebenrollen perfekt besetzt. Der offen politische Ton des Films dürfte vor allem den Geist des amerikanischen Publikums jener Tage getroffen haben.

Warner, ein Patriot durch und durch, fand hier vor allem Unterstützung durch den Drehbuchautor Howard Koch. Dass der politische Ton hierbei abgefedert wurde durch seine Co-Autoren, namentlich den Epstein Brüdern, dürfte dem Erfolg des Filmes geholfen haben.
Und in einzelnen Dialogzeilen gelingt auch die perfekte Symbiose zwischen Kochs Bestreben eine politische Botschaft zu senden und dem Bestreben der Epstein Brüder dem Film mehr Humor zu verleihen:
"Captain Renault: Carl, see that Major Strasser gets a good table, one close to the ladies.
 Carl: I have already given him the best, knowing he is German and would take it anyway.
"
 Das Drama einer großen unerfüllten Liebe, die geschickte Mischung aus Humor und politischer Botschaft, das exotische Setting und die Chemie zwischen den Darstellern, all dies zusammen ist es das Casablanca zu einem Zeitlos unterhaltenden Werk gemacht hat.


 Dazu bescherte uns Casblanca ein paar der berühmtesten Filmzitate, von "Ich schau dir in die Augen, kleines" (Original: "Here's looking at you, kid") bis zu "Play it again, Sam" (Spiel es nochmal, Sam), einem der bekanntesten nie im Film selbst vorkommenden Filmzitate. Ein "Play it again, Sam" ist jedoch wohl griffiger und universeller verwendbar (ganz zu Schweigen von einfacher zu behalten) als "Play it once, Sam, for old times sake".

 Ein beachtlicher Erfolg für das Autoren Duo Burnett & Allison, und ein unproduziertes Theaterstück. Erst viele Jahre später sollte es Burnett gelingen sich die Rechte an seinem Stück zurückzukaufen und es endlich zur Aufführung zu bringen, mit nur mäßigem Erfolg.
Der Film hingegen, wurde Kult und insprierte nicht nur unzählige Persiflagen - dem jüngeren Publikum dürfte zumindest Hot Shots II geläufig sein - er fand auch unter anderem Verwendung in Larry Nivens Kzin Wars Romanen, Jerry Pournelle & S. M. Stierling versetzen hier die Filmstory in ihrem Beitrag zu Man Kzin Wars II kurzerhand auf ferne Welten.


"Louie, I think this is the beginning of a beautiful friendship"

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 * Zitat entnommen aus dem Buch Verhaften sie die üblichen Verdächtigen von Aljean Harmetz.
     Dialog Zitate entstammen dem Film, Script: Howard Koch, Julius & Philip Epstein.

Donnerstag, 23. Juni 2016

Classic Confessions


http://derzauberkasten.blogspot.de/2016/05/vorstellung-classic-confessions-eigene.html

Antonia von Lauter & Leise hat die Aktion der Classic Confessions ins Leben gerufen, und die neue CC Frage lautet, Tommelwirbel bitte:

Habt ihr einen Lieblings-Kinderbuchklassiker?

Ich schäme mich es zuzugeben, aber die meisten Kinderbuchklassiker kenne ich nur in ihrer Filmversion.
Ich habe in meiner Kindheit und Jugend tatsächlich erschreckend wenige klassische Kinderbücher gelesen.
Gelobe aber Besserung und bin tatsächlich schon dabei dieses Manko auszubügeln.
Von den denn tatsächlich gelesenen kämen mir in den Sinn:

- Der Geheime Garten von Frances Hodgson Burnett,
 Das Buch habe habe ich von einer Vikarin (Pfarrerin in Ausbildung) zu meiner Konfirmation (? Heißt das so bei den Evangelen?) geschenkt bekommen.

- Peter Pan, von J. M. Barrie,
 Erst kürzlich im Rahmen der Klassikergruppe auf Lovelybooks gelesen.
Full disclosure, ich habe das Buch nicht gemocht zum Glück ist es recht kurz.

- Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln, von Lewis Carroll,
 Habe ich gesammelt in einem Band aus der Penguin Klassiker Reihe. Das Buch habe ich kurz nach meiner Bundeswehrzeit gelesen.
Fand ich ähnlich schwer zu lesen und verfolgen wie Peter Pan, da der Autor oft Gedankensprünge macht die sich nur schwer nachvollziehen lassen oder mit Anspielungen arbeitet die sich mir als modernem Leser nicht immer erschlossen haben - trotzdem habe ich es sehr gemocht.

- Das Gespenst von Canterville, Oscar Wilde,
 Ebenfalls eher kürzlich gelesen, im letzten Jahr.
Bei Wildes Novelle hat mich überrascht wie modern und witzig sich diese Geschichte immer noch liest. Man glaubt kaum das mittlerweile mehr als hundert Jahre seit der Veröffentlichung vergangen sind.

- Daddy-Long-Legs, Jean Webster
Dies geht schon in Richtung "moderner" Klassiker, das Buch wurde nach der Jahrhundertwende geschrieben.
Habe ich erst letzte Woche gelesen im Rahmen meiner Quest die gängigen Klassiker der Mädchenliteratur zu lesen
(i.e. Romane die sich mit ihren jugendlichen weiblichen Heldinnen vorwiegend an ein genau solches Publikum wenden). Die Romanfigur ist unübersehbar von Montgomerys klassischer Heldin Anne Shirley inspiriert. Die Geschichte lässt sich entsprechend den Anne Fans uneingeschränkt empfehlen, oder eben jedem der eine witzig, leichte Lektüre sucht.


So, jetzt aber der (aktuelle) Lieblings-Kinderbuchklassiker:
 Seit ich im letzten Jahr endlich einmal zu Anne of Green Gables von Lucy Maud Montgomery gegriffen habe, bin ich wieder total vernarrt in die kleine Anne. Die Fernsehserie mit Megan Follows hat es mir damals schon angetan gehabt.
(Full disclosure: Megan Follows hat es mir angetan, Punkt.)

Zum warum:
 Obwohl Anne, anders als das Gespenst, sehr stark an seine Entstehungszeit gebunden ist, sprich nicht die selbe Zeitlosigkeit ausstrahlt, sind die Charaktere, wenn schon nicht ihre Lebensumstände, doch universal. Lucy Maud Montgomery schönt zwar das Bild, schreibt dabei aber mit einer unterliegenden Ehrlichkeit die Anne und die Menschen um sie herum real werden lässt. Anne Shirley selbst ist dabei ein Kind von solcher Energie, Lebendigkeit und Phantasiebegabung das man sie einfach ins Herz schließen muss - auch wenn einem wenn man sie selbst im Haus hätte eventuell schon bald die Ohren klingeln würden von ihrem munteren Geplapper.
Dann ist da Gilbert Blythe, der es vermutlich auch heuten noch schaffen würde die Top Ten der literarischen Boyfriends anzuführen würde man Frauen danach befragen (selbstverständlich immer noch weit nach dem unerreichbaren Mr Darcy), und es ist leicht zu verstehen warum, es gäbe wahrhaft schlechtere Berater in Herzensfragen.

 Ein weiterer, sehr persönlicher, Lieblingspunkt im Buch (und Grund für den traurigsten Moment im Buch, auch beim erneuten Lesen konnte ich nicht anders als für die arme Anne ein paar Tränen zu vergießen) ist Montgomerys liebevolle Schilderung von Matthew Cuthbert der in einer ständigen, vagen Angst vor den Frauen lebt, in dessen Dilemma ich es leicht fand mich wiederzuentdecken, nur eben ohne eigene Anne.
"Matthew dreaded all women except Marilla and Mrs. Rachel; he had an uncomfortable feeling that the mysterious creatures were secretly laughing at him."
Würde ich zum psychologisieren neigen würde ich ja behaupten das Anne zur Zeit meinen unverfüllten Kinderwunsch stillt.*
Würde ich so sagen würde ich zum psychologisieren neigen... tue ich natürlich nicht.

So werde ich mich in sichere Deckung zurückziehen und sagen das Anne of Green Gables mein aktuelles Lieblingsbuch ist weil manch dem oben gesagten zum Trotz, Anne eine durch und durch moderne, emanzipierte junge Heldin ist, mit ausgesprochenem Vorbildcharakter nicht nur für Mädchen.

*Es versteht sich von selbst das ich nie hier war und das nie gesagt habe.

Mittwoch, 22. Juni 2016

The Annotated Anne of Green Gables







The Annotated Anne of Green Gables, Lucy Maud Montgomery
Ed. Wendy E. Barry, Margaret Anne Doody, and Mary E. Doody Jones
(Oxford Press, 1997)


Kurzinhalt:
 Das Geschwister Paar Marilla und Matthew Cuthbert bewirtschaften zusammen die Farm Green Gables auf Prince Edward Island in Kanada. Beide in die Jahre gekommen beschließen sie einen Waisenjungen zu Adoptieren der ihnen auf der Farm aushelfen kann. Aufgrund eines Missverständnisses kommt jedoch stattdessen ein junges Mädchen im Ort Avonlea an.

Die kleine Anne ist ein intelligentes aber auch verträumtes Kind. Ein rothaariger Wirbelwind, die das Leben mit Enthusiasmus und Spontaneität angeht, was sie zusammen mit ihrer lebhaften Phantasie jedoch auch immer wieder in neue Schwierigkeiten bringen.
Doch selbst der scheue Matthew, der außer seiner Schwester und Nachbarin Mrs. Lynde in Furcht vor allen Frauen lebt, kann sich dem Charme der kleinen Anne nicht entziehen.
Der erste Band verfolgt die Jugend von Anne, auf ihrem Weg zur selbstbewussten jungen Frau.
  "Will you please call me Cordelia?" she said eagerly.
  "Call you Cordelia? Is that your name?"
  "No-o-o, it's not exactly my name, but I would love to be called Cordelia. It's such a perfectly elegant name."
  "I don't know what on earth you mean. If Cordelia isn't your name, what is?"
  "Anne Shirley," reluctantly faltered forth the owner of that name, "but, oh, please do call me Cordelia. It can't matter much to you what you call me if I'm only going to be here a little while, can it? And Anne is such an unromantic name."
  "Unromantic fiddlesticks!" said the unsympathetic Marilla. "Anne is a real good plain sensible name. You've no need to be ashamed of it."
  "Oh, I'm not ashamed of it," explained Anne, "only I like Cordelia better. I've always imagined that my name was Cordelia—at least, I always have of late years. When I was young I used to imagine it was Geraldine, but I like Cordelia better now. But if you call me Anne please call me Anne spelled with an E."
  "What difference does it make how it's spelled?" asked Marilla with another rusty smile as she picked up the teapot.
  "Oh, it makes such a difference. It looks so much nicer. When you hear a name pronounced can't you always see it in your mind, just as if it was printed out? I can; and A-n-n looks dreadful, but A-n-n-e looks so much more distinguished. If you'll only call me Anne spelled with an E I shall try to reconcile myself to not being called Cordelia."
  "Very well, then, Anne spelled with an E, can you tell us how this mistake came to be made? We sent word to Mrs. Spencer to bring us a boy. Were there no boys at the asylum?"
  "Oh, yes, there was an abundance of them. But Mrs. Spencer said distinctly that you wanted a girl about eleven years old. And the matron said she thought I would do. You don't know how delighted I was. I couldn't sleep all last night for joy. Oh," she added reproachfully, turning to Matthew, "why didn't you tell me at the station that you didn't want me and leave me there? If I hadn't seen the White Way of Delight and the Lake of Shining Waters it wouldn't be so hard."
  "What on earth does she mean?" demanded Marilla, staring at Matthew.

 Die Annotated Edition enthält den ersten Band der Reihe, Anne of Green Gables, in neuer Bearbeitung, wobei der Text hier nach dem Originalmanuskript der Autorin gegenüber früheren Ausgaben abgewandelt wurde. Dem Text beigefügt ist eine Vielzahl von Erklärungen zum Text in denen auf die Literarischen Anspielungen der Autorin eingegangen wird, auf historische Gegebenheiten, und da die Geschichte sehr Naturverbunden ist auch erläuternde Darstellungen zur Flora von Prince Edward Island. Die Textanmerkungen befinden sich am Rand des Textes und können nach Bedarf beim Lesen der Geschichte gleich mit verfolgt werden oder erst später gesichtet werden, gelegentliche Illustrationen helfen hierbei einzelne Elemente der Geschichte zu verbildlichen. Ein Teil der Anmerkungen bezieht sich dabei auch auf spätere Abenteuer von Anne, es empfiehlt sich also diese erst zu Lesen wenn man entweder die Serie als ganzes schon kennt oder einem kleinere Spoiler nichts ausmachen.
Des weiteren ist der Text angereichert mit Zeichnungen aus der ersten Edition von 1908 und der Ausgabe von 1933.
Siehe Fotos hier.

 Dem Text vorangeht eine etwas über vierzig Seiten umfassende Biographie der Autorin in welcher unter anderem auf die parallelen zu Montgomerys Heldin eingegangen wird, ihre subtile Kritik an Religion und Erziehung, und ihre emanzipatorischen Bestrebungen welche Anne auch heute noch zu einem passenden Vorbild für junge Mädchen machen (eigentlich Kinder im allgemeinen, Montgomery setzte sich in ihrem Buch für einen humaneren Umgang mit Kinder ein, der ihnen mehr Entfaltungsfreiheit bietet), sowie ein Abriss über Entstehungs- und Verlagsgeschichte des Buches.

 Weitere Informationen zum Entstehen des Romans finden sich in an passenden Stellen dem Text beigefügten Auszügen aus den Selected Journals, veröffentlichten Tagebucheinträgen der Autorin. Der Blick der Verfasserinnen der Annotated Edition ist dabei keineswegs unkritisch, über aus heutiger Sicht problematischere Passagen wird nicht einfach hinweggegangen, sie werden in eine für den modernen Leser wichtigen historisch Kontext gesetzt der erläutert worin der nicht immer angebrachte wirkende Patriotismus und die teils rassistisch gefärbten Aussagen vor allem Marillas ihre Wurzeln haben in der Geschichte und Kultur von P.E.I.

 Den Abschluss bilden auf knapp hundert Seiten mehrere Essays unterschiedlicher Länge über das Leben und das Erziehungswesen zu Annes / Montgomerys Zeit, über das Bildungssystem und welche Rolle Frauen darin spielten, über typische Hand- und Hausarbeiten die im Buch als Teil von Annes Pflichten ebenfalls zum Tragen kommen, die Pflanzenwelt von Price Edward Island, das Waisensystem jener Tage, und den literarischen Hintergrund zu Anne. Kenntnisreich und informativ wird einem hier die Lebensrealität jener tage vor Augen geführt.

 The exceptional Anne zum Beispiel wirft einen Blick darauf wie das Leben für Waisen in jenen Tagen wirklich aussah. Die Betrachtung des Waisensystems zeigt dabei auf das Annes hoher Bildungsgrad, aber auch ihr fröhliches Gemüt für eine Waise in jenen Tagen völlig unwahrscheinlich gewesen wäre. Die realen Zustände waren Bedrückend und soziale Reformen zum Teil noch Jahrzehnte Entfernt. Dabei sind jedoch gerade die für heutige Verhältnisse unvorstellbaren Umstände wie Anne im Buch zu den Cuthberts kommt gar nicht so unrealistisch, auch wurden Waisen in diesem Alter durchaus schon als Arbeitskräfte "adoptiert" oder "angeheuert", galten dabei aber nur als kostenlose Arbeitskräfte, eine Adoption in die Familie wie bei Anne, ganz zu schweigen von einer schulischen Ausbildung, war in der streng Klassenbewussten Gesellschaft P.E.I.'s sehr unwahrscheinlich.

 Überraschend war für mich der Blick auf das Thema Handarbeit, er rückt nicht nur deren eminente Wichtigkeit für die Menschen jener Zeit in den rechten Blick, sondern weist auch die emanzipatorische Komponente darin auf welche Frauen darin in ihrer Selbstverwirklichung fanden.

 Der Abschnitt Gardens and Plants vergleicht Montgomerys eigene Naturverbundenheit mit jener ihrer Heldinnen, weist uns auf die Wichtigkeit von Blumen und Pflanzen für die Geschichte, sowie die Illustration von Charakteren hin und gibt uns einen kurzen Überblick über die Historie der P.E.I. Gärten.
 Überaus interessant ist es auch dabei herauszulesen wie sehr durch Montgomerys Werk bis heute das stark vom Tourismus lebende Prince Edward Island geprägt wurde.

 In Literary Allusions werden noch einmal die literarischen Anspielungen von Montgomery unter die Lupe genommen und dem Leser ein tieferes Verständnis vermittelt, für den intelligenten Humor mit dem die Autorin ihr Werk gespickt hat; wie zum Beispiel wenn sie das Kuchendesaster durch die geschickte Einflechtung von Byrons Worten für Anne mit der Schlacht bei Waterloo gleich setzt.
Passend hierzu findet der Leser dann im Anschluss auch die durch Anne Erwähnung findenden Rezitationsstücke wiedergegeben.

 Zum Ende gibt es noch eine Auswahl repräsentativer Kritiken zur Erstauflage des Buches, sowie eine Bibliographie der Autorin. Alle Essays schließen zudem mit Quellenverweisen und Hinweisen auf weiterführende Literatur.


Is it because I'm getting on in life that these wonderful inventions and discoveries, treading on each other's heels, give me a sense of weariness and a longing for to go back to the slower years of old? ... But I really do think we are rushing on rather fast. It keeps humanity on tip-toe. But I think this will go on for two or three hundred years more - I mean the flood of great discoveries and inventions ... And none of these things really "save time." They only fill it more breathlessly full.

(L.M. Montgomery in 1924)
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Addendum:
Obgleich ich die Verfilmung aus den 80er Jahren mit Megan Follows (*le sigh*) sehr ins Herz geschloßen habe, komme ich nicht umhin zu denken dass man das ganze durchaus noch eine Ecke werkgerechter verfilmen hätte können.
Leider zeigt ein Blick auf aktuellere Verfilmungen einen eher gegensätzlichen Trend, man scheint bemüht sich möglichst weit von der Vorlage und ihren Charakteren zu entfernen (ich mag Michael Sheen als Darsteller, aber für die Rolle des Matthew Cuthbert ist er eine klassische Fehlbesetzung und eine brünette Diana? Sorry, nein.) und die jüngsten Nachrichten zu Anne erfüllen mich jetzt schon mit Grauen:

Samstag, 4. Juni 2016

Classic Confessions

 Es ist gerade mal Samstag und schon wieder ein neuer post von mir, was bin ich für ein Plaudertäschchen diese Woche.


http://derzauberkasten.blogspot.de/2016/05/vorstellung-classic-confessions-eigene.html

Antonia von Lauter & Leise hat die Aktion der Classic Confessions ins Leben gerufen, und die erste CC Frage lautet, Tommelwirbel bitte:

Was ist für dich ein "Klassiker"?


Leichte Frage ist nicht leicht.

 Als ich jung war, viel jünger, da dachte bei einem Klassiker an verstaubte alte Bücher die jeder im Regal stehen hat, aber keiner wirklich gelesen hat. Genauer noch, zu jenen meinen Jugendtagen, als ich alt genug war die Titel und Namen zu Lesen aber noch zu jung um zu wissen wofür sie stehen, schien es zwei Bücher zu geben die in jedem deutschen Haushalt standen, zumindest aber in jedem den ich kannte.
Die Bibel und Die Buddenbrooks, Seite an Seite.

 Um die gleiche Zeit herum entdeckte ich aber auch die Klassiker für mich selbst, in
gewisser weise. Die Schatzinsel, David Balfour, Tom Sawyer, Der Kurier des Zaren, Moby Dick, Der Seewolf (<- hat mir Angst eingejagt), und zahllose weitere... dem wurde andächtig gelauscht, das wollte man im Fernsehen nicht verpassen - ohne zu ahnen das man da Literatur, ja Klassiker schaute oder hörte!



 Gelesen habe ich bereits in jenen Tage mit Begeisterung die Griechischen Heldensagen, und Geistergeschichten (unter anderem auch das Gedicht Der Erlkönig, ein deutscher Klassiker).


 Und irgendwann um zwölf oder vierzehn wohl entdeckte ich Hamlet, bei meinem Wesen (siehe post unten) war es wohl natürlich das ich zu diesem Stück und im besonderen zu Hamlets Selbstmordmonolog gravitierte, aber auch die Art in der Shakespeare seine Texte verklausuliert, wie er uns einfachste Aussagen erarbeiten lässt in dem er sie möglichst kompliziert wiedergibt - auch das hat schon damals Faszination auf mich ausgeübt.

 Nach dieser ausschweifenden Einleitung zurück zur Eingangsfrage.
Ich hasse es wenn irgendwelche sich für gewitzt haltenden Marketingmenschen Sprüche wie "Ein moderner Klassiker" verwenden, oder schlimmer noch mit der Phrase "Schon jetzt ein Klassiker" anrücken.
Gerade bei letzterem denke ich bei mir immer, habe die das gerade "jetzt schon Alt" genannt?
 Das ist für mich eines der wichtigen Merkmale eines Klassikers, Alter.

 Ein Klassiker ist ein Werk das sich seinen Ruf verdient haben muss dadurch das es mehrere Generationen überdauert hat, in diesem Satz steckt eine weiteres Merkmal für einen Klassiker, er muss, salopp gesagt, Steherqualität haben.

 Klassiker sind darüber hinaus kulturelle Identität.
Klassiker das sind Werke die wir alle, kollektiv, bewusst oder unbewusst, oft von Kindesbeinen an aufgenommen haben, und von denen wir uns ein Stück weit haben prägen lassen - oder die zumindest die Fähigkeit haben unser Denken, wenn wir zu ihnen finden, zu beeinflussen.

 Also lassen sie mich versuchen ein Fazit zu ziehen:
Klassiker sind für mich Werke die über einen langen Zeitraum hinweg es geschafft haben nach wie vor bei einer bedeutenden Masse von Lesern Resonanz zu finden. Die Gründe hierfür können sehr unterschiedlich sein, manche Klassiker stehen dafür wie sie ein Genre geprägt oder einfach nachhaltig beeinflusst, vielleicht in ganz neue Bahnen gelenkt haben, andere scheinen uns wie Fenster in die Vergangenheit das spezielle Zeitgefühl einer Epoche einzufangen - nicht das wir dies je adäquat beurteilen könnten - und überraschend viele warten mit zeitlos wirkenden Themen und Charakteren auf mit denen wir uns über die Jahrhunderte hinweg immer noch verbunden fühlen, und immer noch identifizieren können.

Samstag, 2. April 2016

Lady into Fox









Lady into Fox*, David Garnett
(1922)


 Bei David Garnetts Erzählung ist der Titel bereits die ganze Geschichte könnte man sagen.
Denn darum geht es, auf einem Ausflug des Paares, als sie in der Ferne das Jaulen der Jagdhunde hören, verwandelt sich Mrs Tebrick plötzlich in eine Füchsin. Gerade wie in der nur wenige Jahre zuvor erschienen Erzählung Kafkas geht diese Verwandlung ohne Vorwarnung, übergangslos vonstatten und keineswegs in solch Manier dass, hätte Mrs Tebrick zum Beispiel bereits in jungen Jahren tierische Züge aufzuweisen begonnen, man sie, wie der Erzähler nachdrücklich betont, Logisch hätte erklären können, sondern eben ganz und gar unerklärlich bleibt. Da Mr und Mrs Tebrick sich jedoch wie Liebende eben auch ohne Worte verstehen, und Mrs Tebrick zunächst darum bemüht ist an ihrer Menschlichen Natur und Gepflogenheit festzuhalten, funktioniert das Zusammenleben der Beiden noch eine Zeitlang. Doch mehr und mehr zeigt sich im Verhalten Mrs Tebricks die Natur eines Fuches und sie entgleitet ihrem Mann zunehmend, welcher mit sich immer neue Kompromisse schließt und an seiner Liebe zu seiner Frau festhält.

 Garnetts Geschichte erschien mir im Vergleich zu Kafkas "Die Verwandlung" sehr viel zugänglicher und direkter, sowie zeitlos aktueller auf das Leben bezogen. Der Vergleich zu Kafka drängt sich auf, denn wie dieser erzählt auch Garnett seine Geschichte voll grimmigem Humor, jedoch aufgelockert durch einen typisch britischen Tonfall. So ist Mrs Tebricks Mädchenname Fox, doch soll dies mit den Geschehnissen um ihre Person in keinem weiteren Zusammenhang stehen und nur Zufall sein. Später erschießt Mr Tebrick die beiden Hunde um seine Frau und deren Verwandlung vor vorzeitiger Entdeckung zu Schützen, ein Umstand der von einer Angestellten bemerkt wird die es darauf für weiser hält den Herrn nicht wissen zu lassen das sie um die neue Gestalt seiner Frau weiß. Mit gekonntem Witz erzählt Garnett so die traurige Geschichte dieses Paares das sich zwangsläufig immer weiter auseinander lebt.

 Ist es der britische, ungleich weniger nihilistische Humor der Erzählung welcher diese (mir ) um ein vielfaches Lesbarer macht, so ist es Garnetts Schilderung der Reaktion Mr Tebricks auf die neuen Umstände welche der Geschichte, ob gewollt oder nicht lässt sich aus meiner Warte nur unzureichend beurteilen, eine Zeitlos aktuelle, gesellschaftskritische Note verleiht:

 "Silvia, Silvia, why do you do this? Are you trying to escape from me? I am your husband, and if I keep you confined it is to protect you, not to let you run into danger. Show me how I can make you happy and I will do it, but do not try to escape from me. I love you, Silvia; is it because of that that you want to fly from me to go into the world where you will be in danger of your life always? There are dogs everywhere and they all would kill you if it were not for me. Come out, Silvia, come out."

 Als die Füchsin Mrs Tebrick beginnt ihre jugendlich ländliche Zurückhaltung abzulegen und dem Ruf ihrer Natur zu folgen, reagiert Mr Tebrick darauf zunächst indem er darüber nachsinnt wie er sie am besten, aus Liebe zu ihr und zum Schutz vor den gesellschaftlich geachteten Fuchsjagden, einsperren kann. Es scheint unwahrscheinlich das sich der Autor des so gesponnenen Kommentars nicht bewusst war, auf eine Gesellschaft die aggressives, ja übergriffiges Werben (Jagen) der Männer als natürliches Verhalten gesellschaftlich sanktioniert, aber die daraus resultierenden Gefahren für Frauen dadurch einzudämmen sucht das sie diesen Zwänge auferlegt und sie in deren eigener Natur zu Zügeln und einzusperren sucht. Doch auch wenn Mr Tebricks ansinnen und Eifersüchtelei nicht immer moralisch einwandfrei ist, er liebt leider wohl nur zu sehr um loszulassen - am Ende aber immer aufrichtig genug um seiner Frau ihre Natur zu lassen, auch wenn sie dadurch nicht mehr die Frau ist die er einst geheiratet hat.

 Wo Kafkas Allegorie auf den destruktiven Einfluss der Familie keinen Hoffnungsschimmer lässt, bleibt Garnetts Geschichte von Zwängen der Ehe und der Liebe, sowie der unumkehrbaren Veränderung eines Partners, immer ein Stück weit hoffnungsvoll, denn ganz gleich wie sehr sich Mrs Tebrick von der zurückhaltenden jungen Dame die sie einst war entfernt, immer wieder gelingt es Mr Tebrick sich seine Liebe zu ihr erneut ins Gedächtnis zu rufen und zu erhalten.





* Kein original Cover: Bild

Freitag, 22. Januar 2016

Mythology









Mythology, Edith Hamilton
(Signet, 1942)


 Was Edith Hamiltons der Neuzeit angepassterer Blick auf die klassischen Sagengestalten, von zum Beispiel einem Gustav Schwab, aber auch diversen jüngeren, vornehmlich männlichen Betrachtern der großen griechischen Tragödien, unterscheidet, ist ihr weiblicher Blick auf die alles andere als tadellosen Götter und Helden, beziehungsweise ihre präzises heraus arbeiten dessen was die wichtigen weiblichen Charaktere Motiviert.
Hamilton bedient sich wenig Schwarz-Weißmalerei, es wird nicht über die maßen Heroisiert, noch verteufelt, dabei spart sie nicht das charakterlose Verhalten manches Mythencharakters aus, wie zum Beispiel Paris, noch kaschiert sie allzu sehr die, nach modernem Menschenrechtsempfinden, Kriegsverbrechen der griechischen Truppen bei der Belagerung von Troja.

 Überhaupt, sexualisierte Gewalt ausgehend von den "Helden" und Göttern der griechischen Sagenwelt ist ein permanentes Thema, und selbst wenn Göttervater Zeus oder andere helfend einschreiten, endet es für die Frauen nahezu immer böse. Hamilton anerkennt, das ein zentrales Thema der griechischen Tragödie darauf aufbaut das wenn Frauen Gerechtigkeit wollen, sie diese selbst in die Hand nehmen müssen - und selbst dann werden selbst noch zu Opfern, eine Ausnahme ist hier bezeichnender weise Medea, welche sich mit Mitteln rächt die der Willkür der Männer in nichts nachsteht und damit ungeschoren davon kommt.

 Hamilton weißt im Text aber auch auf den sich durch die Jahrhunderte verändernden Blick der Griechen auf ihre eigene Sagenwelt hin, ein Wandel der sich unter anderem an der Einschätzung des Trojanischen Kriegs zeigt, was dem einen Dichter noch ein Heldenepos ist, nimmt der spätere zum Anlass um aufzuzeigen das Krieg nur in Elend, Zerstörung und Unrecht münden kann.
 So erkannte man schon in der Wiege der Zivilisation "Krieg ist immer Gewalt gegen Frauen".
 Überhaupt, die größere Moral der griechischen Sage spiegelt zumeist Wankelmütigkeit und Willkür der Herrschenden, ob sterblicher oder unsterblicher Natur.

 Die alten Griechen hatten offenbar gespaltenes Verhältnis zu ihren Göttern und dies schlägt sich in deren zugeschriebenem Temperament nieder. Es gilt der Grundsatz "Vermeide es die Aufmerksamkeit der Götter auf dich zu lenken."
 Trotzdem werden in schöner Regelmäßigkeit die Götter um Hilfe angefleht, wohlwissend das die Hilfe des einen nicht selten den Unbill eines anderen nach sich ziehen konnte. Im Grunde ist oft gleich ob einem die Götter wohlgesonnen sind oder grollen, ob sie einem zu Hilfe eilen oder zu strafen gedenken, eine Begegnung mit ihnen endet öfter denn nicht Tragisch für sterbliche, und wehe sie haben ein Auge auf einen geworfen...


 Als moderner Leser fällt einem weiteres auf wie sehr die antike Mythenbildung, besonders den zwar mächtigen aber nicht sehr gescheiten Herkules betreffend, der neuzeitlichen, in Herkules Fall besonders sich in beliebten  Internetmemes und diversen Witzen niederschlagenden Mythenbildung um einen Chuck Norris ähnelt,
    Intelligence did not figure largely in anything he did and was often conspicuously absent. Once when he was too hot he pointed an arrow at the sun and threatened to shoot him. Another time when the boat he was in was tossed about by the waves he told the waters that he would punish them if they did not grow calm.
 In einer späteren Geschichte um den Helden stellt er gar dem Tod höchst selbst nach um eine kürzlich verstorbene zu den Lebenden zurückzuholen.
 Wo Odysseus zumeist mit Verschlagenheit und Trug agierend dargestellt wird, ist Herkules eine simple, aufrichtige Figur die nahezu alle Hindernisse mit bloßer Muskelkraft aus dem Weg zu Räumen versteht. Als ein Flussgott ihn mit Worten zu besänftigen sucht entgegnet Herkules ihm:
"Lass uns erst gegeneinander Kämpfen, danach magst du meinetwegen mit Worten gewinnen."


 Hamilton bemüht sich um eine zwar kurz gehaltene aber möglichst präzise Einführung in die wandelnden Mythen, dafür greift sie auf unterschiedliche klassische Schreiber griechischer und römischer Abkunft zurück, zitiert gelegentlich einzelne Passagen, und schafft es damit ihren kurzen Blick auf diese faszinierende Sagenwelt zu einen möglichst umfassenden zu machen.
Mythology empfiehlt sich allen die ihr Wissen auffrischen wollen oder einen sachkundigen Einstieg suchen.


 Lediglich die  Geschichte von Clytemnesta und Agamemnon, wiedergeben unter The House of Atreus im Kapitel Agamemnon and his Children, hat einen kleineren Schluckauf, wenn die Autorin, wohl mit Bezug auf unterschiedliche Quellen widersprüchliche Szenen wiedergibt:
    First he pointed to the girl in the chariot. She was Cassandra, Priam's daughter, he told his wife - the Army's gift to him, the flower of all the captive women. Let Clytemnestra see to her and treat her well. With that he entered the house and the doors closed behind the husband and the wife. They would never open again for the both of them.
 The crowd had gone. Only the old men still waited uneasily before the silent building and the blank doors.
(S. 242)

    A cry rang out, the voice of a man in agony: "God! I am struck! My death blow-" and silence again. The old men, terrified, bewildered, huddled together. That was the King's* voice. What should they do? "Break into the palace? Quick, be quick," they urged each other. "We must know." But there was no need now of any violence. The doors opened and on the threshold stood the Queen*.
(S. 243)
 Heißt es in der ersten, der hier wiedergegebenen Szenen noch "Sie (die Türen) würden sich nicht mehr öffnen, für die beiden." Straft der Schlusssatz der zweiten Szene diese Aussage lügen, wenn es zu lesen steht dass "Die Türen öffneten sich und auf der Schwelle stand die Königin."

 Das Buch teilt sich in mehrere größere Abschnitte in denen zuerst die wichtigsten Götter vorgestellt werden, darauf folgend maßgebliche Heldensagen, und daran im Anschluss die wichtigsten Hauptwerke der Antike, sprich die Suche nach dem goldenen Flies, der Trojanische Krieg, die Odyssey und die Aeneis, dem folgt ein Überblick über die einzelnen Herrscherhäuser, welcher sich meist auf die bekannten Tragödien stützt, und schlussendlich eine alphabetische Übersicht über kürzere, mehr oder minder bekannte Sagen.


 Dem Ende des Buches ist noch eine kurz gehaltene Einführung in die nordische Sagenwelt angehängt, welche aber kaum ins Gewicht fällt, da aufgrund der geringen Seitenzahl die Autorin hier nur ein wenig an der Oberfläche kratzen kann ohne nennenswert Parallelen herausarbeiten zu können und somit lediglich dazu dienlich ist dem Leser zu Veranschaulichen wie sehr sich die darin widergespiegelte Mentalität oft von einander unterscheidet.
Womit diese angehängte Kapitel nur zu dem Schluss führen können das eben eine jede Sagenwelt zu komplex ist um ihr auf nur wenigen Seiten gerecht werden.
 Zwar lesen sich auch diese wenigen Seiten sehr flüssig, stören nicht wirklich, und schüren Neugierde auf die Nordischensagen, trotzdem trübt jedoch ihre Platzierung den sonst durchweg positiven Eindruck.


*Agamemnon und Clytemnestra.

Samstag, 28. November 2015

The Life and Letters of Mary Wollstonecraft Shelley, Part II









The Life and Letters of Mary Wollstonecraft Shelley* - Part II, by Florence A. Thomas Marshall
(Richard Bentley & Son,1889)


 Band zwei dieser Lebensgeschichte Mary Shelleys in Briefen und Tagebucheinträgen setzt nach dem Tod Shelleys, ihres Gatten, ein. Trotzdem überschattet dessen Leben und Charakter weiterhin Marys Leben, und sollte es wohl auch bis zu ihrem Tode tun.

 Nach dem Tod Shelleys werden Marys Briefe und Einträge zwar länger und Persönlicher, sie hält sich jedoch immer noch bedeckt in Bezug auf ihre Arbeit und weiterhin scheint sie ihr Leben weitgehend von Männern bestimmen zu lassen.

 Hauptsächlich ihrem Vater, zu dem sie hält ungeachtet der Tatsache dass sein Wesen ihre Schwester in den Tod getrieben hat, und einem Captain Trelawny, einem engen Freund Shelleys, den sie als lebenslangen Freund behält, aber sich auch gelegentlich an ihn um Geld wendet.

 Trelawny selbst scheint ein undurchsichtiger Abenteuer von äußerst zweifelhafter Moral gewesen zu sein, über den Mary in einem Brief schreibt
 When he first came to Athens he took to a Turkish life, bought twelve or fifteen women, brutti mostri, Pierino says, one a Moor, of all things, and there he lay on his sofa, smoking, these gentle creatures about him, till he got heartily sick of idleness, shut them up in his harem, and joined and combated with Ulysses...
 Überhaupt zeichnen Marys Briefe das Bild einer unangenehm unselbständigen Frau, die ihren ehemaligen Schwiegervater darum angeht für ihre Versorgung aufzukommen und generell sehr wenig von der Emanzipation der Frauen zu halten scheint, schreibt sie doch sogar einer Bekannten
 I am delighted to hear that Zella is in such good hands, it is so necessary in this world of woe that children should learn betimes to yield to necessity; a girl allowed to run wild makes an unhappy woman.

 Marys Briefe zeugen von einer Frau die sich nach dem Tod ihres Gatten von der Welt zurückzieht, es ist ihr nach eigenen Worten unangenehm sich alleine, zudem weitgehend Mittellos, in der Gesellschaft zu bewegen. Und immer wieder schlagen sich Anzeichen eines stark von einer depressiven Stimmungen geprägten Wesens in ihren Zeilen nieder.

 Zu selten lässt sie sich über ihre künstlerische Arbeit aus, äußert sich nur wenig zu ihren eigenen Werken, einzig zu Frankenstein lässt sie sich einmal zu einer längeren Anmerkung hinreißen
 But lo and behold! I found myself famous. Frankenstein had prodigious success as a drama, and was about to be repeated, for the twenty-third night, at the English Opera House. The play-bill amused me extremely, for, in the list of dramatis personæ, came "--, by Mr. T. Cooke." This nameless mode of naming the unnameable is rather good.

On Friday, 29th August, Jane, my Father, William, and I went to the theatre to see it. Wallack looked very well as Frankenstein. He is at the beginning full of hope and expectation. At the end of the first act the stage represents a room with a staircase leading to Frankenstein's workshop; he goes to it, and you see his light at a small window, through which a frightened servant peeps, who runs off in terror when Frankenstein exclaims "It lives!" Presently Frankenstein himself rushes in horror and trepidation from the room, and, while still expressing his agony and terror, "--" throws down the door of the laboratory, leaps the staircase, and presents his unearthly and monstrous person on the stage. The story is not well managed, but Cooke played --'s part extremely well; his seeking, as it were, for support; his trying to grasp at the sounds he heard; all, indeed, he does was well imagined and executed. I was much amused, and it appeared to excite a breathless eagerness in the audience. It was a third piece, a scanty pit filled at half-price, and all stayed till it was over. They continue to play it even now.
 Später äußert sie bedauern darüber, dass sie sich von ihrem Vater von der Idee abbringen lies, selbst ein dramatisches Stück zu verfassen, einer der wenigen Momente in denen sie öffentlich über ihre künstlerische Arbeit reminisziert.
Sonst spricht sie gerade mal über eine Auftragsarbeit, dem erstellen von Biographien berühmter Italiener, die ihr offenbar sehr viel Freude bereitete.


 Doch wie schon für den ersten Band gilt auch hier dass Mrs Marschall für eine gleichermaßen unterhaltsame Auswahl wie Überleitung zwischen den einzelnen Briefen und Einträgen sorgte, welche das Buch zu einem flüssigen Lesevergnügen machen.
Auch wenn man eben, wie schon Eingangs erwähnt, wieder einmal mehr über die Männer in Mary Shelleys Leben erfährt denn über die Autorin selbst.


Gutenberg Link



* Portrait von E. J. Trelawny entnommen aus dem Gutenberg.org download.

Sonntag, 15. November 2015

The Life and Letters of Mary Wollstonecraft Shelley









The Life and Letters of Mary Wollstonecraft Shelley*, by Florence A. Thomas Marshall
(Richard Bentley & Son,1889)

 Im Grunde hätte das Werk The Journal entries and Letters of Mary Wollstonecraft Shelley, with conjectures about her Life in connection to her husband Percy Bysshe Shelley drawn by the Author heißen müssen, betrachtet man den Inhalt.
Doch wenn man, wie ich, ohne große Vorkenntnisse über Mary Shelleys Leben in das Buch geht, enthüllen die darin wiedergegebenen Briefe und Tagebucheinträge, von Mary selbst, ihrem späteren Gatten Shelley, aber auch von Freunden und Bekannten der Shelleys, welche die Autorin mit kurzweiligem Schreibstil zu verbinden versteht, eine Fülle an wissenswerten Informationen.

 Trotzdem schloss ich das Buch mit einer gewissen Enttäuschung ab, denn man erfährt bis zum Ende mehr über Marys Ehegatten Shelley und ihre Freunde und Angehörigen, denn über die Frankenstein Autorin selbst, welche sich in ihren Briefen wie ihren Tagebucheintragen sehr zurückhält über sich selbst zu Sprechen. Doch gibt es sie, die persönlichen Momente in ihren Briefen:
 Mary to Shelley. Clifton, 27th July 1815.
My beloved Shelley—What I am now going to say is not a freak from a fit of low spirits, but it is what I earnestly entreat you to attend to and comply with. We ought not to be absent any longer; indeed we ought not. I am not happy at it. When I retire to my room, no sweet love; after dinner, no Shelley; though I have heaps of things very particular to say; in fine, either you must come back, or I must come to you directly.

 Es sind aber, so kommt es einem gelegentlich vor, vorwiegend die gravierenden Einschnitte in ihrem Leben die sie zu einer schriftlichen Gefühlsäußerung zu bewegen vermögen die nichts mit ihr in Bezug zu ihrem Gatten zu tun haben. Der Tod ihres Erstgeborenen Kindes, der Selbstmord der älteren Schwester, welche, so bekommt man das Gefühl vermittelt, aufgerieben wurde durch den Konflikt zwischen den Eltern und der jüngeren Schwester Mary, nachdem diese mit Shelley durchgebrannt war, sowie der ständigen Geldnot des Vaters.

 Es überraschte mich als Leser, wie nahe einem der Tod Fannys geht, die man getrennt durch die Jahrhunderte nie kennen lernen konnte. Trotzdem hat ihr einsamer Tod, und die Reaktion ihrer Familie welcher der Schutz ihres Rufs in diesem Moment wichtiger scheint denn die Trauer um den Verlust der Tochter, etwas unglaublich Tragisches. Doch Marys Vater ist einer der sich nicht mit Gefühlen aufhält, und auf den Tod der Tochter mit selber Kälte reagiert wie auf die Depression Marys in folge des Verlustes ihres Kindes.
 Skinner Street, 9th September 1819. 
My dear Mary—Your letter of 19th August is very grievous to me, inasmuch as you represent me as increasing the degree of your uneasiness and depression. You must, however, allow me the privilege of a father and a philosopher in expostulating with you on this depression. I cannot but consider it as lowering your character in a memorable degree, and putting you quite among the commonalty and mob of your sex, when I had thought I saw in you symptoms entitling you to be ranked among those noble spirits that do honour to our nature. What a falling off is here! How bitterly is so inglorious a change to be deplored.

 Es kein sehr sympathisches Bild das Florence Marshall da zeichnet.
Es ist das Bild eines Mannes welcher der Tochter zürnt, weil sie durch ihre uneheliche Beziehung zum zu diesem Zeitpunkt noch verheirateten Shelley, dem Ruf der Familie schadet, sich aber nicht schämt den quasi Schwiegersohn trotzdem um Geld anzugehen.

 Auch Lord Byron erweist sich, seiner feinen Worte und berührender Gedichte zum Trotz, als reiner Bastard, dessen Fahne im Wind schwingt und der je nach Gutdünken Shelley und Frau mal Freunde nennt und dann wieder moralisch im Stich lässt und hintergeht.

 Selbst Autorin Mary W. Shelley, stieß bei mir auf abnehmende Sympathie, denn wenn sie über sich und Shelley schreibt sie lebten in "Armut" - dann zeugt diese "Armut" letzlich nur von der lebensfremden Umgebung in welcher die Autorin groß wurde, und beschreibt noch immer ein Leben voll unerhörtem Luxus im Vergleich zu den in wirklicher Armut lebenden.

 Aber wie gesagt bis zum Ende des ersten Bandes erfährt man im Kern enttäuschend wenig über Mary Shelley außerhalb ihrer Beziehung zu Percy Bysshe Shelley, eine Tatsache auf welche von der Autorin im zweiten Band eingegangen wird, in dem in Folge von Shelleys unerwartetem Tod die junge Witwe, nun ihres Lebenspartners und Vertrauten beraubt sehr viel persönlicher wird in ihren Einträgen und Briefen.

 Ein weiterer Wermutstropfen ist das die Autorin Briefe welche  im Französischen verfasst wurden im Original wiedergibt, ohne eine Übersetzung dazu anzubieten. Teils lässt sich deren Inhalt zwar über den Kontext in groben Zügen erschließen, Teils aber eben auch nicht. Auch spätere in Italienisch wiedergegebene Passagen wurden leider nicht Übersetzt, so das der Genuss einem doch größere Sprachkenntnisse abfordert, will man nicht im unklaren über einen Teil der geschilderten Ereignisse bleiben.
 In Elise’s last letter to her chere amie, Clare put in that Madame Clairmont was very ill, so that her life was in danger, and added, in Elise’s person, that she (Elise) was somewhat shocked to perceive that Mademoiselle Clairmont’s gaiety was not abated by the douloureuse situation of her amiable sister. Jenny replies— 

“Mon amie, avec quel chagrin j’apprends la maladie de cette jolie et aimable Madame Clairmont; pauvre chère dame, comme je la plains. Sans doute elle aime tendrement son mari, et en être séparée pour toujours—en avoir la certitude elle sentir—quelle cruelle chose; qu’il doit être un méchant homme pour quitter sa femme. Je ne sais ce qu’il y a, mais cette jeune et jolie femme me tient singulièrement au cœur; je l’avoue que je n’aime point mademoiselle sa sœur. ..."


* Portrait von Mary Shelley entnommen aus dem Gutenberg.org download.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Die vergessene Welt / The Lost World








Die vergessene Welt, Arthur Conan Doyle
(Heyne,1981)


Kurzinhalt:
 Um die Liebe seiner angebeteten Lady Gladys zu gewinnen, lässt sich der junge Journalist Ned Malone auf das Wagnis eines Interviews mit dem für seinen Jähzorn gegen die Presse berüchtigten Professor Challenger ein, dessen gewagte Behauptung einer die Evolutionswissenschaft revolutionierenden jahrhundert Entdeckung in aller Munde ist. Den Streitbaren Professor als Scharlatan zu entlarven wäre wohl der Gesundheit wenig zuträglich, sollte aber doch genügen den von der Lady ersehnten Heldenmut zu beweisen.
Tatsächlich findet sich Malone nach einem stürmisch verlaufenden Gespräch mit einer Einladung zu einer Rede des Professors wieder - und schon wenig darauf, in Gefolge des Abenteurer Lord John Roxton und Professor Challengers Widersacher Professor Summerlee, auf dem Weg nach Südamerika um des Professors kühne Behauptung zu belegen.
 Zunächst im Zweifeln an der abenteuerlichen Geschichte eines von Urzeittieren bevölkerten Hochplateau, einer vergessenen Welt, finden sich die Reisenden bald von einer Rückkehr abgeschnitten im Kampf gegen Affenmenschen und Riesenechsen wieder.


 The Lost World bildet neben den Sherlock Holmes Romanen und Geschichten Arthur Conan Doyles bekanntestes Werk. Schon früh Verfilmt (erstmals 1922), zog das Buch mehrere Leinwandadaptionen und eine lose darauf basierende Fernsehserie nach sich. Dieser Popularität zum Trotz würde ich nicht so weit gehen wollen Die vergessene Welt zu Doyles besten Arbeiten zählen zu wollen. Der Zahn der Zeit hat hier schwer an dem Werk genagt, und der moderne Leser ist, nicht zuletzt im Zuge des Erfolgs eines Jurassic Park (Michael Crichton, 1990) anspruchvolleres, fundierter geschriebenes gewohnt.
 Auch Doyles Kolonial Europäischer Blick auf indigene Völker, wenn auch weit nicht so ausprägt wie zum Beispiel im Werk eines Edgar Rice Burroughs, ruft heutzutage doch eher befremden hervor beim Leser.

 Dennoch kann Doyles Abenteuergeschichte auch heute noch Unterhalten. Vor allem junge Leser wird die Erzählung nach wie vor in ihren Bann ziehen können, als älterer Leser jedoch fiel mir bei der Wiederbegegnung mit Doyles Geschichte auf wie spät erst wir zur titelgebenden Vergessenen Welt vorstoßen, und wie wenig Zeit der Autor dieser Widmet, sie macht tatsächlich nur etwa ein knappes drittel des Romans aus. Nicht zu reden von den haarstrübend hanebüchenen "Urweltechesen". Unverkennbar ist jedoch Doyles hier auch schon mal in das Satirische übergreifender Humor, und seine unnachahmlich ironische Art sich selbst als Autor gegenüber.
Wenn Doyle seinen Professor Summerlee feststellen lässt-
"It is all part and parcel of the same system of quackery and nonsense, for which I regret to say that the writer is notorious."
lag es sicherlich in der Absicht des Autors, dass der Leser diese Worte auch auf ihn und seine Geschichten bezieht, nimmt sich Doyle doch auch in seinen Geschichten über den weltersten beratenden Detektiv ganz gerne mal selbst auf das Korn, wenn Holmes Watsons schriftstellerische Freiheiten und die Sensationalismen deren sich dieser bedient, bespöttelt.

 Jurassic Park Autor Michael Crichton übrigens leistete seinen Teil am Tribut gegenüber Doyle im gleichsam benannten Sequel zum eigenen Bestseller: The Lost World (1995).
Darin nimmt er nicht nur gleichermaßen Doyles wie eigene wissenschaftlicher Fehler unter die Lupe, die Tatsache das sich unmöglich eine stabile Fauna auf solch engem Raum hätte entwickeln können (Doyle) oder der Rückgriff auf eine längst als überholt angesehen These im Bezug auf T-Rex (Crichton), sondern lässt auch die eine oder andere Szene aus dem Vorbild charmant wiederauferstehen.

 Eine Klassikerempfehlung mit Vorbehalten. Die vergessene Welt ist eben nicht so gut gealtert wie des Meisters Detektivgeschichten.
Wer es abenteuerlich moderner mag der greift lieber zum Crichton Bestseller, und wer es wissenschaftlich fundierter möchte, der wird sich mit Robert T. Bakkers Raptor Red (1995) wohler fühlen.



 Ein Vergleichender Textauszug aus der deutschen Ausgabe (Heyne, Übersetzung Elisabeth Simon) zeigt unglücklicherweise erhebliche Abweichungen und Freiheiten zum Original Text:
 "Etwas anderes zu unternehmen, wäre und ist Energieverschwendung", brummelte Professor Summerlee hinter seiner Pfeife hervor. "Sie scheinen zu vergessen, daß wir mit einem ganz bestimmten und genau definierten Auftrag hierhergekommen sind. Das Zoologisch Institut der Universität London hat uns in diese unwirtliche Gegend geschickt, damit wir die Glaubwürdigkeit von Professor Challengers Behauptungen überprüfen. Dies ist geschehen und wir sind in der Lage, unsere Aussagen zu machen, die - wie ich zugeben muß - zu Gunsten meines Kollegen ausfällt. Unsere Aufgabe ist erfüllt. Was die weiteren Einzelheiten anbelangt, die hier..."
 "Aber", versuchte sich Lord John einzuschalten, jedoch erfolglos.
 "Unterbrechen Sie mich bitte nicht" schnitt ihm Professor Summerlee grimmig das Wort ab. "Was also die weiteren Einzelheiten ..."

 "It is a waste of energy to do anything else," growled Summerlee from behind his pipe. "Let me remind you that we came here upon a perfectly definite mission, entrusted to us at the meeting of the Zoological Institute in London. That mission was to test the truth of Professor Challenger's statements. Those statements, as I am bound to admit, we are now in a position to endorse. Our ostensible work is therefore done. As to the detail which remains to be worked out upon this plateau, it is so enormous that only a large expedition, with a very special equipment, could hope to cope with it.
..."
 Nicht nur wird hier aus Professor Summerlees Anmerkung: "Let me remind you" (Lassen Sie mich Sie daran erinnern) eine vollkommen andere Redewendung gemacht ("Sie scheinen zu vergessen,") der folgende, von mir nur im Auszug wiedergegebene Monolog des Professors wird in der deutschen Übersetzung an gleich zwei Stellen versucht durch Lord Roxton zu unterbrechen. Eine Gegebenheit die sich im Originaltext nicht  finden lässt.

 Wie sich an anderer Stelle schon aufzeigen lies war (ist?) ein solcher Umgang mit dem originalen Material, man kann hier kaum noch von Übersetzung sprechen, eher schon von freier Textuminterpretation, leider nichts ungewöhnliches im Hause Heyne.


 Eine letzte Anmerkung zur frei erhältlichen eBook Ausgabe, vermutlich zu den eBook Ausgaben generell da diese sich wohl alle auf dieselbe Gutenberg.org Textversion stützen werden:
 Leider sind darin die Textbegleitenden Zeichnungen nicht wiedergegeben, das macht der Geschichte zwar keinen Abbruch dämpft aber das Lesevergnügen.

Sonntag, 20. September 2015

Round up the usual suspects





 Round up the usual suspects /
 Verhaften sie die üblichen Verdächtigen, Aljean Harmetz
(Weidenfeld & Nicholson, 1992 / Berlin Verlag, 2001)
  
A good book is worth repeating

Klappentext:
 Gegen Ende des Jahres 1941 kaufte der Produzent Hal Wallis für 20.000 Dollar die Filmrechte an einem Theaterstück mit dem Titel "Everybody comes to Rick's".
Niemand erwartete, das dessen Verfilmung mehr als eines der üblichen Melodramen über den Zweiten Weltkrieg werden würde. Doch keine drei Jahre später gewann Casablanca die Oscars für den besten Film, den besten Regisseur und das beste Drehbuch und wurde schließlich zu einem der beliebtesten Filme aller Zeiten.
Was machte Casablanca zu einer solchen Ausnahmeerscheinung?

 Mit Verhaften sie die üblichen Verdächtigen liefert Aljean Harmetz die Inside-Story der Entstehung von Casablanca. Sie hat in Archiven von Warner Bros. recherchiert, zahllose Interviews geführt, darunter mit Paul Henreid, Lauren Bacall, und den Drehbuchautoren Howard Koch und Julius Epstein, und nicht zuletzt schriftliche Zeugnisse von Beteiligten ausgewertet. Ihr Blick hinter die Kulissen fördert überraschende Details zu Tage. Anschaulich zeichnet sie die Persönlichkeiten und Eigenheiten des damaligen Studiosystems: Jack warners Reivalität mit seinem Topproduzenten Hal Wallis, die Distanz zwischen Bogart und Bergman, die Wutausbrüche des Regisseurs Michael Curtiz, die Freundschaft zwischen bogart und Rains und nicht zuletzt das Problem mehrerer Drehbuchfassungen.
Wie Hollywood selbst vom Krieg betroffen war und sich mit ihm auseinandersetzte, wie die Zensur und das Office of War Information versuchten, Einfluss auf die Filminhalte zu nehmen - dies und etliche andereAspekte prägten den Hintergrund auch und gerade von Casablanca.

 Reich bebildert, spannend wie ein Roman, immer amüsant und unterhaltend, voller ungewöhnlicher Informationen, ist dieses Buch eine großartige Darstellung der Umstände und der Menschen, die da zusammenkamen und die - wegen oder trotz des Studiosystems - ein Meisterwerk schufen.



 Round up the usual suspects ist zumeist Kenntnisreich geschrieben, jongliert dabei munter mit Fakten, Mythen und Anekdoten und lässt sich zum leichten Verdruss dieses Lesers auch schon mal zu wilder Spekulation hinreisen:
Surely Bogart was not as much of a knight-errant as he seems in Lauren Bacall's autobiography, and he may have had a few quick romances.
War Bacall als Bogey's Ehefrau, die bis zuletzt zu ihm gehalten halt, befangen in ihrer Betrachtung seines Charakters?
Sicher, doch Harmetz mit ihrer Unterstellung ist es kaum weniger.
Natürlich liegt der Verdacht nahe das wenn Bogey Bacall davor warnt sich am Set auf schnelle Romanzen einzulassen weil sie es nicht wert sind, wie er sagt, er aus eigener Erfahrung spricht. Doch wir können dies nicht wissen, Harmetz führt keinerlei Aussagen an die Bacalls Beschreibung widersprechen, im Gegenteil, sie weist selbst darauf hin das Bogey aus einer Zeit und einer Schicht stammt, aufgrund derer er sich verpflichtet fühlte die Frauen mit denen er schlief auch zu Ehelichen.

 Man muss darauf hinweisen das entgegen des The making of im Titel  man sehr wenig über die tatsächlichen Arbeiten am Film erfährt. Wohl widmet sich die Autorin ausgiebig dem Ringen zwischen den Epstein Brothers auf der einen Seite, dem Script mehr Humor zu verleihen
 "I am shocked, shocked to find that gambling is going on in here!"
und Howard Kochs bestreben den Film mit politischen Botschaften voll zustopfen
"I bet they're a sleep in New York. I bet they're asleep all over America."
 Und weiß auch sonst so manches von Interesse im Bezug auf die Handlung einzuflechten, wie zum Beispiel die Tatsache dass das für den Film gewählte Lied "Die Wacht am Rhein" den Nazis gar nicht so beliebt war.

 Eine meiner Lieblingspassagen im Buch wirft als kurzes Streiflicht im Zuge der Betrachtung zur Bedeutung von Warners Studiomentalität ein faszienierendes What-If auf:
 It is possible that one of the seven other major studios might have bought and made a movie from Everybody comes to Rick's, an unproduced play about a cynical American who owns a bar in Casablanca. (One producer at M-G-M, Sam Marx, did want to buy the play for $5.000, but his boss didn't think it was worth the money.) It wouldn't have been the same movie, not only because it would have starred Gary Cooper at Paramount, Clark Gable at M-G-M, or Tyrone Power at Fox but because another studio's style would have been more languid, less sardonic, or opulently Technicolored.


 Doch tatsächlich nimmt sie Casablanca oft nur zum Anlass sich einer Betrachtung des politischen Klimas und der Filmwirtschaft jener Tage zu widmen. Casablanca fungiert an solcher Stelle nur als Fokuspunkt von dem aus sie daran geht Biographie und Karriere der beteiligten zu beleuchten und in einen Kontext zum Zeitgeschehen zu setzen.
Daher wohl der Titelzusatz "Bogart, Bergman, & World War II".

 In einzelnen Kapiteln die sich nicht Chronologisch aneinander reihen, betrachtet Harmetz die Umstände die am Ende zum Phänomen Casablanca führen sollten, durch diesen Aufbau kommt es im Text immer mal wieder zu Wiederholungen und mal erfahren wir vom Abschluss der Dreharbeiten und dann sind wir wieder mitten im Prozess der Entwicklung des Scripts. Harmetz springt in der Zeitskala vor und zurück, verlässt dabei Casablanca auch schon mal ganz um sich nur den Warners zu widmen oder ein besonderes Augenmerk auf Jack Warners patriotische Haltung zu werfen.

 Gelegentlich meldet sich die Autorin mit eigenen Betrachtungen zu Wort, denen man nicht immer zustimmen muss, siehe oben, zur möglichen Bedeutung der Beziehung der Charaktere untereinander und der berühmten Abschiedsszene zwischen Rick und Ilsa äußert die Autorin selbst jedoch keine Gedanken, zitiert hier lieber allerlei verquaste aber zumindest witzig zu lesende Theorien von Psychologen und Soziologen. Da ist von homosexuellen Anspielungen zwischen Renault und Rick die Rede, oder von ödipalen Konflikten in denen Ilsa zur Mutterfigur und Ricks Verlangen inzestuöser Natur wird, und die Nazis treten an die symbolische Stelle von Freuds kastrierendem Vater.
Dabei scheint es mir für Ricks Charakter, mehr aber für den (männlichen) Geist jener Tage so viel Bezeichnender das der Film ihm am Ende ein
"Louis, I think this is the beginning of a beautiful friendship."
anhängt, wohlwissend das Captain Renault* ein feiger, opportunistischer Vergewaltiger ist der sein Amt und die Notlage der Flüchtlinge in Casablanca ausnutzt um Frauen zu missbrauchen.
Eine Tatsache die aber auch Harmetz bezeichnenderweise weitgehend unausgesprochen lässt.

 Persönlich kann ich auch über Passagen wie die im Buch zitierte Theorie das Rick Ilsa wegschickt um sich an ihr für Paris zu Rächen, eine offensichtlich narzisstisch männliche Interpretation bei der aus dem entsprechenden Kritiker das eigene verletzte Ego spricht, nur lächeln.
Wenn Rick am Ende zu Ilsa sagt
"We'll always have Paris. We didn't have- we... we'd lost it until you came to Casablanca."
ist dies genau so gemeint wie, er es sagt. Rick mag nicht mit Begeisterung auf ihr wiedersehen reagieren
"Of all the gin joints in all the towns in all the world, she walks into mine."
 aber seine Entscheidung hat nichts mit abstrusen ödipalen Konflikten oder ähnlichem Nonsens zu tun, am Ende hat er einfach sein Trauma des Verlassenwerdens nicht nur überwunden, sondern die Richtigkeit in Ilsas Handeln, die wahre zugrundeliegende Motivation erkannt.
Dadurch erinnert er sich nun auch selbst wieder seiner Liebe für sie, und nicht weil er wie Harmetz andeutet in Casablanca mit ihr Geschlafen hat**.
Deshalb schickt er sie fort ins sichere Amerika, aus dem selben Grund aus dem Ilsa Rick einst unter falschen Vorwänden am Bahnhof von Paris mit einem Brief das Herz brach, damit er den einmarschierenden deutschen Truppen entging; wollte er sich an ihr Rächen, er müsste sie nur in Casablanca lassen.


 Round up the usual suspects ist nicht ohne Fehl, und stellenweise holt die Autorin zu weit aus, versucht zu vieles auf den Film zurückzuführen oder ausgehend vom Film zu verfolgen, als das es noch Bedeutung hätte. Aber ihr Schreibstil lässt sich immer angenehm lesen, und wenn es nicht immer ganz so informiert scheint, bleibt es doch charmant und unterhaltend. Ein Buch das trotz kleinerer Schwächen sich jedem Fan des Films und jedem der sich für das Hollywood jener Tage interessiert nur empfehlen lässt.


*  Gespielt mit fantastischem Witz und öligem Charme vom unvergleichlichen Claude Rains.
** Vielleicht hat er dies in Paris getan, Viktor zumindest ist im Film offenbar davon überzeugt, aber der Hays Code verhinderte zum Glück das dies je offen ausgesprochen, geschweige denn gezeigt werden hätte können, so das es jedem selbst überlassen bleibt wie sich Ricks und Ilsas Liebesaffäre in Paris gestaltet hat.

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Die Film Editionen:












                 Limited Collector's Edition                                                                                      70th Anniversary Edition