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Mittwoch, 26. April 2017

The Jane Austen Book Club








The Jane Austen Book Club, Karen Joy Fowler
(Penguin, 2006)


 Fünf Frauen und ein Mann treffen sich sechs Monate lang, um über die Romane von Jane Austen zu diskutieren. Doch was dabei ans Licht kommt, sind weniger die verschiedenen Aspekte von „Stolz und Vorurteil“ als die Wünsche und Sehnsüchte der Teilnehmer selbst. Während der Jane Austen Club sich trifft, werden Ehen getestet, zarte Bande gesponnen und Tragödien gemeistert. Und die Liebe bahnt sich am Ende durch alle Wirrnisse ihren Weg …



 „Very funny“ verspricht das Daily Telegraph Zitat auf dem Einband.
Nach dem ersten Kapitel klappe ich die Seiten zu und frage mich, ob wir das selbe Buch gelesen haben. Nicht das Karen Joy Fowlers Roman nicht seine lough-out-loud witzigen Momente hätte.
‘Austen suggests that Udolpho is a dangerous book, because it makes people think life is an adventure,’ she said. ‘Catherine has fallen completely under its spell. But that’s not the kind of book that’s really dangerous to people. You might as well argue that Grigg here thinks we’re all extraterrestrials, just because he reads science-fiction.’
 Bernadette made a surprised coughing sound. We all turned to look at her, and she managed an unconvincing smile. She had that great gob of tape and paper clips on her glasses. Her legs were twisted up in her lap in some impossible yoga posture. All our suspicions were suddenly roused. She was fooling no one. She was far too bendable to be human.
 But why care? There was no one more benign than Bernadette.

 Und ja, ich muss zugeben das beim Schreiben dieser Zeilen, beim nachlesen einzelner Passagen, ich merke wie sehr mir die Charaktere doch allem zum Trotz an das Herz gewachsen sind, wie mich gewisse Passagen noch immer zum Schmunzeln bringen können. Aber das erste Kapitel setzt den Ton für etwas anderes als ein „Very funny“ – das erste Kapitel gehört Jocelyn’s Vergangeheit, und wie sie unbeschwert und unbekümmert die Avancen zweier junger Männer geniest, ohne sich deren Gefühle wirklich bewusst zu werden.
Und da sie keinem von beiden wehtun will, lädt sie beide auf einen Ball ein, was natürlich das genaue Gegenteil bewirkt.
 Auf diesem Ball begegnet Jocelyn auch ihrer heimlichen Liebe, der sie beschuldigt mit den Gefühlen der beiden gespielt zu haben, und der sich sexuell an ihr vergreift, wie er sagt um sie zu strafen... „Very funny“ indeed, not!
 Ein Buch das mit sexuellem Missbrauch eröffnet, steigt auf meiner Humorskala nicht wirklich hoch.

 Dass diese Vergangenheit Jocelyn’s nur wenig bis gar nichts mit dem Rest des Buches zu tun hat, macht es nicht besser. Es ist schwer zu erraten warum die Autorin diese Passage einbringt. Um zu erklären warum Jocelyn, die Hundefrau, ein Kontrollfreak geworden ist?
Warum sie eine streng matriarchalisch organisierte Hunderasse züchtet?
Weshalb sie lieber im Liebesleben anderer herumpfuscht als sich ein eigenes Aufzubauen?

 Dieses Problem allerdings zieht sich durch die ganze Erzählung. Für jedes Buch das der Buchklub liest, in jedem Monat, gibt es ein eigenes Kapitel. Dieses Kapitel kreist zentral um die aktuelle Gastgeberin, oder den Gastgeber für den Buchklub. Im Grunde sind es sechs weitgehend unabhängig von einander existierende Vignetten die sich nur angelegentlich berühren und dabei eher beiläufig zu einer Geschichte fügen.

 Anstrengend, „Emotionally exhaustive“ waren die Zitate die mir so durch den Kopf gingen beim Lesen. Anstrengend, weil Fowler auf eine stringente Erzählweise verzichtet, in Zeitlichem vor und zurück erfahren wir wie sich die Mitglieder des Buchklubs untereinander kennengelernt haben, und dazwischen bekommen wir Einblick in ihre respektive Vergangenheit, die Autorin fordert eine menge Geduld von uns ein, ohne das wir viel dafür bekämen. Emotional Anstrengend ist dabei die Erzählerin, die sich nie zu erkennen gibt, in einem pluralen „Wir“ spricht wenn es um die Gruppe geht, aber nie das singulare „Ich“ benutzt – im letzten Kapitel scheint es mit allerdings recht deutlich das Jocelyn die Erzählerin ist. Der Narrativ ist eher zynisch gehalten, oft beißend so. Manchmal scheint es das unsere Erzählerin Männern nicht traut, sie heimlich verdächtigt Frauen zu verachten, auch wenn sie, mit dieser einen gravierenden Ausnahme, nie so handeln, und die Frauen verachten vice versa die Männer. Überhaupt verbringen die Frauen im Buch nach Darstellung der Erzählerin ein Großteil ihrer Zeit damit an anderen herumzunörgeln, an ihren Männern, ihren Freundinnen oder deren Töchter, anderen Frauen ganz allgemein, oder sich Situationen auszudenken an denen man herumnörgeln könnte, wenn sie so einträfen... also „Very funny“?
Ich weiß es nicht.
Ich frage mich, will die Autorin damit selbstironisch sein?
Soll uns das als Leser einen Spiegel vorhalten, will es sagen sieh her, das sind die Klischees in denen ihr uns Frauen seht?

 Obwohl das Buch kurz gehalten ist, fordert es Disziplin es nicht einfach zur Seite zu legen und zu vergessen. Es hilft das es Passagen und Kapitel gibt die tatsächlich witzig sind, die ehrlich sind, die emotional sind. Sylvias Kapitel, welches passend ganz am Ende kommt, denn Jocelyn und Sylvia, die beiden lebenslangen Freundinnen bilden die Buchstützen der Erzählung.
Sylvia, die sehr behütet aufgewachsen ist, und deren Eltern ihr als Kind alles furchtbare fernzuhalten suchten bekommt eine der besten Passagen im Buch, gleichermaßen Komisch wie nachvollziehbar, für Sylvias Kapitel lohnte sich die Reise dann fast schon wieder.
 Dr Yep? Jocelyn waited until Sylvia had finished with the blender to lean in and whisper. ‘So! What mother doesn’t want her daughter dating a nice doctor?’
 Such a thing to say! Obviously Jocelyn had never seen a single episode of Young Dr Malone. Sylvia knew how these things worked. Any minute now someone would fall into a coma. There’d be an accident in the kitchen with the blender. A suspicious death followed by a trial for murder. Hysterical pregnancies followed by unnecessary abortions. The many, many braided chains of disaster.
 ‘I’m very happy for her,’ Sylvia said. She poured the largest margarita for herself. She deserved it. ‘Dr Yep seemed like a really lovely woman,’ she added insincerely, although, in fact, Dr Yep had.


 Abgeschlossen wird das Buch mit einem kurzen Jane Austen Primer, der auf wenigen Seiten die Handlung der Bücher zusammenfasst und uns Reaktionen von Zeitgenossen und späteren Lesern aufzeigt. Dies ist tatsächlich der interessanteste Teil des Buches. Austen lesen will man danach aber noch weniger denn zuvor. Die Romantik einer Zeit in der Frauen finanziell unterdrückt werden entzieht sich mir.

 The Jane Austen Book Club ist so für mich kein Buch das man gelesen haben muss, es sei denn man mag die Verfilmung, zu der ich eher anraten würde.


 Der Film, natürlich Hollywood typisch und nicht ohne Schwächen, macht seine Sache im Kern sehr gut. Er bringt Struktur in Fowlers Erzählung, lässt unnötiges unter den Tisch fallen, rafft Stellenweise das Notwendige – es liegt eine unbestreitbare Eleganz darin wie der Film es schafft Prudies Vergangenheit auf eine Konfrontation mit ihrem Mann zu reduzieren die in den Worten „High School is never over!“ kulminiert, wahrere Worte wurden selten Gesprochen – der Film nimmt der Erzählung den Zynismus, die Bitterkeit und verleiht diesem Desperate Housewives Book Club ein wohltuende Leichtigkeit.

 Der Film setzt dabei sehr viel mehr auf die Romantik der Geschichte.
Die Besetzung ist jünger gehalten, im Buch sind Jocelyn und Sylvia in ihren frühen Fünfzigern, im Film eher so in ihren Vierzigern, Bernadette ist Anfang Sechzig, im Film so Anfang Fünfzig – Marktentscheidungen.
Entsprechend wurde auch der einzige Mann im Buchklub, Grigg – ein Name wie ein Genickschmerz –, auf nun Ende zwanzig, bestenfalls frühe dreißig verjüngt (ursprünglich um die Vierzig). Komischerweise wurde ein Subplot des Buches, der Verdacht Grigg könnte an Allegra interessiert sein, ebenfalls fallengelassen obwohl diese nun Altersmäßig besser zusammen passen würden – Buch und Film Allgra sind in etwa Gleichalt, mitte Zwanzig versus anfang Zwanzig, und die Idee wäre nun weit weniger Creepy gewesen.

 Ganz generell brilliert der Film mit einer hervorragenden Besetzung, eine kleines Who is who talentierter weiblicher Stars aus der zweiten Riege, die im Film sehr viel verschworener miteinander agieren als im Buch. Es wird noch immer ein wenig gelästert, aber freundschaftlicher, man spürt hier mehr Kameradschaft zwischen den Frauen. Im Film sind Jocelyn, Sylvia, ihre Tochter Allegra und Bernadette bereits ein Gespann, Prudie und Grigg sind die zwei Neuankömmlinge.

 Das Script stellt viele Szenen um, nicht nur um die Geschichte logischer zu strukturieren, es wird auch der Konfliktpunkt verändert. Sylvias Scheidung steht nun zum einen stärker im Mittelpunkt, ist aber nicht Anstoß des Buchklubs, die Trennung folgt erst später.
Charaktere welche die Story nicht vorantreiben fallen heraus, schade unter anderem um den Autor Mo Bellington, der für einen der witzigeren Gags sorgt.
 Eine Sache die mich beim Lesen des Buches irritiert hat, ist das fehlende Gefühl von zeitlichem Setting, klar wir haben die Anspielungen auf Popkultur im Roman, aber die Charaktere im Buch verhalten sich als wären sie sehr viel älter – Jocelyn und Sylvia wirken wie Figuren aus einer weit weniger emanzipierten Zeit.
Der Buchtext verspricht „a delicious dissection of modern relationships.“ – aber auch hier liegt die Stärke beim Film, wir bekommen Frauencharaktere die selbstbewusster, emanzipierter, moderner agieren, als das im Buch je geschieht.

 Prudie, kongenial gespielt von Emily Blunt, würde ich sagen erfährt die stärkste Veränderung, und mit ihr kommt eine der wichtigsten Änderungen zum Buch. In der Vorlage ist Prudie eine vom Leben zutiefst verängstigte Frau, hier zentriert der Konflikt eindeutig in Prudies Charakter, im Film ist sie immer noch emotional Fragil, aber sie beginnt zudem am Sinn ihrer Ehe zu zweifeln. Dean, der sie im Buch praktisch auf Händen trägt, ist im Film von ihr Entfremdet, er versteht seine Frau nicht, verhält sich emotional distanziert zu ihr.
Was im übrigen sehr viel mehr Sinn ergibt, im Buch ist Dean ein ehemaliger High School Sportstar, und in diesem Zusammenhang ist es sehr viel verständlicher das für Dean die Worte „High School is never over!“ keinen Sinn ergeben, er war nie in dieser Hölle, er war wahrscheinlicher selbst diese Hölle. Ein weiterer Streitpunkt im Film wird die Reise der beiden nach Paris, ein Geschenk Deans an seine Frau, im Buch fürchtet Prudie diese, die Französischlehrerin die noch nie in Frankreich war, hat sich in ihrer Fantasie ein Traumland erschaffen von dem sie Fürchtet das es der Realität nicht Standhalten kann, im Film sagt Dean die Reise zugunsten seiner Karriere ab.

 Emily Blunt als Prudie ist sowieso Spot-on, sie sieht sich selbst im Buch zwar als unscheinbares Mauerblümchen, aber die Tatsache das der ehemalige High School Sportstar Dean sich auf den ersten Blick hoffnungslos in sie verliebt, straft dies Lügen.
Prudie ist nicht unscheinbar, es fehlt ihr nur Selbstvertrauen – und wer spielt schon besser verletzlich als Emily Blunt?

 Und eines noch zu Prudie. Der Film schafft Klarheit wo uns das Buch ein Stück im Dunkel lässt. Im Buch lernen wir Prudies Mutter nie wirklich kennen, nur Prudies Erinnerung an sie, was im unklaren darüber lässt ob sie ihre Tochter nur unglaublich nachlässig behandelt oder psychisch Labil ist. Im Film bekommt Prudies Mutter einen kurzen Auftritt, gespielt von Lynn Redgrave, der keinen Zweifel an deren Geistesverfassung lässt.

 Zu den unverständlicheren Änderungen gehört das Film Grigg plötzlich reich ist, aber man wollte damit eventuell das klassisch Austenthema aufgreifen, ein Jungeselle von Reichtum und so weiter… ein wenig geärgert hat mich beim wiederanschauen das eine von Sylvias witzigeren Passagen nur gekürzt wiedergeben wird und nun Bernadette zufällt:
‘Are you saying Austen meant her to be gay?’ Sylvia asked. ‘Or that she’s gay and Austen doesn’t know it?’
 Sylvia preferred the latter. There was something appealing in thinking of a character with a secret life that her author knew nothing about. Slipping off while the author’s back was turned, to find love in her own way. Showing up just in time to deliver the next bit of dialogue with an innocent face.*


 Man merkt schon, über den Film habe ich habe ich deutlich mehr zu sagen als über das Buch, trotzdem wie oben schon angedeutet, wer den Film mag für den könnte sich der Blick ins Buch lohnen. Der Film liefert die Struktur, das Buch gibt den Charakteren ihren Hintergrund.






* Was mir an dieser Passage besonders gefällt ist, wie sie gekonnt den ganzen Humor liefert, den Jasper Fforde in seine Romanen bemüht anvisiert und dabei oft verfehlt.

Montag, 3. Oktober 2016

tucking fypos


 Heldin Kate mag in Shirley Conrans Roman Lace (Penguin, 1982) in Schande heimkehren, aber ein fehlender Punkt erhebt sie dafür wenigstens zur Göttin (S. 278):

 Home. Oh, God  Kate dreaded breaking this news to her father. She could already hear him - 'So you made a mess of it? Let him make a bloody fool of you! You went all that way just to be made a bloody fool of, eh? I hope you realize that everybody's going to think you're a bloody fool.'

Sonntag, 28. August 2016

Lace









Lace, Shirley Conran
(Penguin, 1982)

"Which one of you bitches is my mother?"

Klappentext:
 Four elegant, successful, and sophisticated women in their forties are called to New York's Pierre Hotel to meet Lili -- a beautiful, young, and notoriously temperamental Hollywood movie star. None of the women knows exactly why she is there; each has a reason to hate Lili and each of them is astonished to see the others. They are old friends who share a guilty secret and who have for years been doing their best to keep that secret quiet. Their lives are changed forever, however, when Lili suddenly confronts them. When the women refuse to answer her, Lili proceeds to travel around the world through the playgrounds of the rich and famous, seeking to answer the question that has obsessed and almost destroyed her.

From Paris to London, from the boardroom to the bedroom, Lace takes the reader into the rarified world of five unforgettable women who are as beautiful, as complex and as strong as...lace.



 Erinnert sich noch jemand an diesen berühmten Satz*, der ein klein weing Fernsehgeschichte geschrieben hat?
Mitte der Achtziger lief im deutschen TV die zweiteilige Adaption von Shirley Conrans Lace unter dem Titel Blutsbande. Ich muss allerdings gestehen das ich von der TV Fassung abgesehen von jenem Satz und der Tatsache das Phoebe Cates die Rolle der Lili spielte nicht viel erinnerte. Ein Blick auf das YouTube Video zeigt allerdings das Brooke Adams eine der Hauptrollen spielte, was erklärt was mir mit Sicherheit daran gefiel, ich hatte in jenen Tagen ein wenig einen Schuljungen Crush für Brooke**. Jahre später, in den Neunzigern habe ich aus einer Laune heraus Conrans Die Insel der fünf Frauen aufgegriffen, ohne mir damals bewusst zu sein das Conran die Autorin von Lace/Blutsbande ist, das ist mir erst aufgefallen als ich das Buch meinem GoodReads Regal zugefügt habe, wieder so um zehn Jahre später - und so stehe ich nur hier, drei schlappe Dekaden später habe ich es tatsächlich geschafft Lace zu lesen.

 Anders als man vom Klappentext des Buches erwarten mag dreht sich bei Lace nicht alles um die mörderische Frage wer mit wem schlief. Tatsächlich verliert die Autorin diese Frage die folgenden vier- bis fünfhundert Seiten eher etwas aus dem Blick und kehrt erst auf den letzten Kapiteln darauf zurück.

 Bis zur Klärung der Frage wer nun der Vater von Lili ist vergeht sehr viel Zeit, denn die Autorin kehrt zurück zum Anfang und folgt dann dem Lebensweg der vier Freundinnen, sowie Lilis, deren Wege sich vor dem schicksalsträchtigen Treffen bereits schon einmal kreuzten und damals stets eine in ihrem Stolz verletzte Lili zurückließen.
Von diesen früheren Begegnungen, wenn auch nicht über deren Details, wissen wir als Leser bereits aus dem ersten Kapitel.
In dem die vier Frauen, einer Einladung Lilis folgend, überraschend wieder aufeinander treffen.

 Tatsächlich ist Conran eine zumeist charmant witzige Erzählerin die einen mühelos durch die bisweilen etwas ziellos wirkende Geschichte hindurch zu Unterhalten versteht.
Die Entwicklung der Frauen von naivem Mädchentum zu erfolgreichen Geschäftsfrauen wirkt glaubwürdig, und die Charaktere bleiben in ihren Handlungen meist nachvollziehbar; darin liegt die Stärke des Romans als Frauenliteratur und damit verdient sich der Roman vermutlich mit recht die Bezeichnung als "Feministische Literatur" wie es der Harold anlässlich des dreißig jährigen Jubiläums ausdrückte.

 Dem entgegen, und deswegen ist Lace aller anderweitigen Qualitäten zum Trotz kein Werk das ich weiter empfehlen könnte, steht Conrans allzu zynischer Blick auf (männliche) Sexualität, welche so gar nichts mit Leidenschaft oder Liebe zu tun hat, ganz zu schweigen von Respekt.
Sex ist bei Conran nur ein Mittel um Dominanz zu etablieren. Bei Conran liegen Sex und Gewalt ständig so nahe beieinander das Sex und Vergewaltigung praktisch eins werden.
Es ist mit Sicherheit kein Zufall, das die einzig anständigen Männer in Conrans Buch Schwul, Impotent, oder zu alt sind um noch an Sex interessiert zu sein.

 Die Autorin scheint im Buch bemüht ein Script abzuspulen mit dem sie nicht zufrieden ist ehe nicht jede einzelne ihrer weiblichen Hauptcharaktere sexualisierte Gewalt erfahren hat. Dabei sind die Folgen von Gewalterfahrung der Autorin ebenso egal wie ihren (nicht nur männlichen) Tätern, weswegen der Roman im ganzen einen sehr unangenehmen, die oben genannte Einstufung als "Feministische Literatur" in Frage stellenden, Nachgeschmack hat.

 Besonders übel verfährt die Autorin mit Lili, welche als dreizehnjährige, um eine bereits im Prolog drastisch Dargestellte illegale Abtreibung zu finanzieren, in die Hände eines Sexphotographen und Pornofilmers fällt, der sie als vierzehnjährige am Set ihres ersten Pornodrehs vor laufender Kamera vergewaltigen lässt.
Lilis Lebensweg orientiert sich, wie die Autorin durch Lili selbstironisch anmerken lässt, am damaligen Trend in der Romance, in welcher es Usus war das die Heldin sexualisierte Gewalt (nicht selten an Händen des "Helden") erfährt und erscheint oftmals von der Biographie von Linda Lovelace inspiriert.

 Hätte ich Lace in jenen Jugendtagen gelesen in denen ich die TV-Adaption gesehen habe, dies muss man fairer Weise anmerken, das Buch wäre mir als ein guilty pleasure in angenehmerer Erinnerung geblieben. So lässt sich für mich nur das Fazit ziehen dass man manches welches der Lauf der Zeit in der Erinnerung romantisch verklärt hat besser dort lassen sollte, in der romantischen Verklärung der Vergangenheit. 


*    Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt wurde im Deutschen daraus "Welche von euch Schlampen ist meine Mutter?"

**  Incidentally (hah!), gab es an meiner damaligen Schule ein Mädchen von dem ich beschwören würde das sie ähnlichkeit mit Brooke hatte. Die junge Dame war allerdings mindestens zwei Klassen über mir, also praktisch so weit entfernt als würde sie auf dem Mars Leben (genaugenommen lässt sich lezteres aber von so ziemlich allen Mädchen sagen, an die ich je mein Herz verlor).

Montag, 21. März 2016

The Gracekeepers








The Gracekeepers, Kirsty Logan
(Vintage, 2016)


Dank einer Lovelybooks Leserunde durfte dieses mit Erin Morgensterns The Night Circus verglichene Buch bei mir einziehen.

Kurzinhalt:
 Callanishs Welt ist zweigeteilt.
Die Landbewohner halten fest an einem Leben auf den Inseln welche die stetig schwindende Landmasse der Erde ausmachen und da Land rar geworden ist verbringt der Rest der Menschen das Leben auf See. Die beiden Gesellschaften trennen sich strikt gegeneinander ab, die Landbewohner, Landlockers genannt, betrachten die Bewohner der See, Damplings, mit Argwohn und umgekehrt.

 Fasziniert beobachtet die kleine Callanish die Ankunft des Zirkusschiffes Excalibur. Sie überredet ihre Mutter sie zur abendlichen Vorstellung mitzunehmen, doch diese steht unter keinem guten Stern. Die Vorstellung endet in einem blutigen Desaster welches ein Kind zur Waise macht und das Schicksal des Zirkus nachhaltig beeinflussen wird.

 Jahre später bringt ein weiteres Unglück die inzwischen erwachsene Callanish wieder mit dem Zirkus zusammen. Diese Begegnung wird das Leben Callanishs sowie erneut das der Artisten in eine neue Bahn lenken. Vor allem für North, das Bären-Mädchen, wird diese Begegnung  schicksalshaft, zwischen ihr und Callanish entsteht eine ungeahnte Bindung.

 Getrennt durch zwei Welten, die der Landbewohner und die der Seebewohner, ist ihre Zukunft jedoch ungewiss, zumal der Ringmeister des Zirkus für Norths Zukunft bereits feste Pläne geschmiedet hat.


 Sehr positiv fällt einem sofort die Covergestaltung ins Auge, welche mehr Bedeutung gewinnt wenn man die Geschichte gelesen hat - nur so viel hierzu vorab, das Bild steht in fester Verbindung zu Callanishs Aufgabe als Gracekeeper, eine Art Seebestatter und Friedhofswärter. Man erkennt dieses Detail auf dem Foto nur unzureichend, aber die Käfige und Sterne sind in einer Farbe wiedergegeben die ganz passend je nach Lichteinfall von weiß bis fast anthrazitfarben wirkt.

 Logans Roman wurde als Fantasy angekündigt, persönlich würde ich eher zu einer Kategorisierung im Bereich Dystopie/Frauenroman tendieren. Der Weltenbau ist interessant, erinnerte mich atmosphärisch mit seinem sich zu einer Art Schiffskarawane zusammengeschlossenen, weltumfahrenden Zirkus welcher Insel für Insel anfährt um dort für eine Nacht zu gastieren, und den das Meer bevölkernden Schiffsgiganten des Militärs und der religiösen Revivalists zeitweise an Julie Bertagna's New Mundo.

 Die Geschichte selbst konnte mich im Prolog sehr fesseln, die kleine Callanish deren kaum zu zügelnde kindliche Energie sie mit großen Sprüngen nachhause jagen lässt, das ist ein Moment den man im Herzen behält, ebenso wie das tragische letzte Bild des Abends.
 And in the centre of it all she saw two figures: one draped in white, one furred black; both with eyes open moon-round and empty. A small girl and a small bear, hands and paws still linked.

 Danach fiel die Geschichte für mich dann leider schnell ab, obgleich Kirsty Logan es durchaus vermag faszinierende, sympathische und auch bedrohlich wirkende Charaktere zu entwerfen, scheint die Geschichte zunächst einfach nur dahin zu Treiben ohne rechtes Ziel im Auge. Zwar erfährt man nach und nach immer mehr über die einzelnen Personen und ihre Motive, der bedrohlich wirkende Red Gold, der Ringmeister, dessen Sohn Ainsel und Gattin Avalon, sowie North das Mädchen mit dem Bären sind dabei die wichtigsten Protagonisten, doch zeichnet sich trotzdem lange Zeit keine Richtung ab.

 Die Erzählung wechselt von Kapitel zu Kapitel zwischen einzelnen Blickwinkeln, Norths und Callanishs zum größten Teil, doch dazwischen auch die der restlichen Zirkuscrew. Dies ist Interessant da wir dadurch neue, zum Teil überraschende Einblicke in die Motive der einzelnen Charaktere gewinnen. Andererseits bremst die Autorin damit die Geschichte auch immer wieder aus, zudem verhalten sich die Hauptcharaktere zu lange zu schicksalsergeben passiv, so das die Geschichte bis in das letzte drittel hinein kaum wirklich vorankommt.

 Ein Teil dieser wechselnden Blickwinkel ist gefühlt schlicht unnötig, sie bringen die Geschichte nicht voran und auch sonst konnte ich zum Beispiel den Kapiteln der Clowns für mich nichts abgewinnen, so dass man diese meines Erachtens nach aus dem Buch hätte streichen können ohne dabei abgesehen von Seitenzahl etwas einzubüßen.

 Das Finale ist zwar wieder mitreißend Geschrieben, doch leidet dieses wie das ganze Buch darunter das die Autorin vieles im dunkeln lässt. Viele der entscheidenden Szenen finden im Aus statt, werden uns nur im Rückblick geschildert oder muss der Leser sich gar komplett selbst zusammenreimen. Auch der dramatische Höhepunkt der Geschichte kann nur bedingt überzeugen - zu schnell und einfach gehen die Charaktere darüber hinweg.

 'Thank you kindly, Ms Sand. I am Jarrow Stierling, the captain of the Excalibur.' He moved his arm as if to give the boat a pat, then seemed to think better of it. Callanish found that sensible; a good knock and the whole thing would probably fall apart.
 Auch sprachlich konnte Logan mich leider weniger überzeugen. Es gibt sie durchaus, die märchenhaften Momente, die Sätze von poetischer Schönheit, den Augenblick magischer Verbundenheit - doch kann Logan diese sprachlich weniger durchgängig umsetzen wie dies Erin Morgenstern vermag in ihrem oben genannten Werk. Auch Logan bewegt sich zwischen humorvoller Leichtigkeit und getragener Eleganz, aber wirkte dazwischen auf mich dann immer mal wieder unvermittelt flach und umgangssprachlich. Trotzdem muss man der Autorin einen eingängigen, fließenden Stil zugestehen. Gleichwohl nur wenige Charaktere wirkliche tiefe erlangen, Jarrow der Ringmeister sei hier positiv hervorgehoben, stellt sich früh ein Gefühl der familiarität ein welches einem das Lesen leicht macht auch dann wenn die Geschichte auf der Stelle zu Treten scheint.
Andere Leserunden Teilnehmer zogen den Vergleich zu einer TV-Soap - eine nicht unpassende Analogie.

 Es hätte der Geschichte gut getan hätte die Autorin sich auf weniger Charaktere konzentriert und schon früher auf ihre Haupthemen zugearbeitet, so kann die Geschichte um Callanish und North nicht wirklich überzeugen und der Handlungsfaden um Callanish und ihre Mutter bleibt bis zum Ende verworren. Zudem wäre meine ganz persönliche Einschätzung positiver ausgefallen wenn die Autorin auf einen Teil der Geschichte verzichtet hätte welcher sich zum Ende nicht nur als unnötig sondern extrem ärgerlich erweist, dazu mehr im Spoilerfeld.

 Stilistisch wie Inhaltlich scheint es mir das Kirsty Logan die Fans von Emily St. John Mandel mehr erfassen wird. Aber eine Empfehlung aussprechen könnte ich nicht, auch dies jedoch aus ganz persönlichen Gründen.


***Spoiler***

  Der Geschichte beigefügt ist ein Subplot welcher mich während und nach dem Lesen maßlos ärgerte.
Im Roman fürchtet Callanish ausgestoßen zu werden oder schlimmeres sollten die Landbewohner erfahren dass sie Schwimmhäute hat. Dies geht zurück auf einen Abend an dem ihre Mutter, als sie besinnungslos am Strand lag von einem geheimnisvollen Meereswesen geschwängert wurde. Auch North ist schwanger, und auch ihr Kind wurde gezeugt als sie im Alkoholrausch besinnungslos am Strand lag. Mit anderen Worten, beide Frauen werden Vergewaltigt.
Doch die Autorin geht nie näher auf diese Tatsache ein, nennt sie weder beim Namen, noch beschäftigt sie auch nur für einen Moment was dies für die beiden Frauen bedeutet.

Zwar kommt es am Ende zur Erkenntnis das man nur eine Wahl treffen kann, wenn man eine Alternative hat, aber diese Erkenntnis auch auf die Schwangerschaft der beiden Frauen anzuwenden kommt der Autorin nicht in den Sinn - keiner der beiden stand die Wahl für oder gegen ein Kind offen, die Entscheidung wurde ihnen einfach aufgezwungen, und am Ende klingt es noch so als sollten wir diese erzwungenen Schwangerschaften begrüßen.

***Spoiler***


Ich bedanke mich bei
LovelyBooks
Vintage
sowie meinen MitleserInnen

Freitag, 4. April 2014

tucking fypos



 Weil sich der Übersetzer von Elizabeth Nobles So wie es einmal war (Weltbild, S.132) augenscheinlich nicht zwischen zwei Satzalternativen (ihr/das) entscheiden konnte, endete er mit der Verwendung von beiden zugleich. Was ironischerweise dazu führte dass eine vollkommen unverfängliche Entkleidungsszene etwas sehr anzügliches bekam:

 Amelia drehte den Wasserhahn auf, hielt eine Hand unter den Strahl, bis die Temperatur stimmte, zog ihr das T-Shirt und die Trainingshose aus und hängte beides auf Bügel.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Muttertier @n Rabenmutter









Muttertier @n Rabenmutter, Sonja Liebsch & Nives Mestrovic
(Gmeiner Verlag, 2011)

Zehn Jahre haben Maxi und Hanna nichts mehr voneinander gehört. Dabei waren die beiden Rheinländerinnen bis zu Maxi's Hochzeit beste Freundinnen. Damals hatte ein Tsunami in weiß für die anhaltende Funkstille gesorgt. Angeregt durch einen Anruf ihrer Mutter "Sag mal, ist Hanna wieder in Mönchengladbach?" und eine Internetsuche später nimmt Maxi wieder den Kontakt auf zu ihrer ehemaligen besten Freundin. Ein paar E-Mails später stellen Maxi und Hanna fest, dass sie inzwischen wieder einiges gemeinsam haben: Einen ganzen Stall voller Blagen, Dauerstress im Alltag und keine Aussicht auf ein geregeltes Einkommen.

Mit viel Humor erzählen die beiden Autorinnen in Doppelkapiteln mit wechselndem Blickpunkt (Kapitel 1. Ich-Perspektive Maxi, Kapitel 1. Ich-Perspektive Hanna; Kapitel 2. ...) vom Lebensalltag ihrer Protagonistinnen. In dieser Weise hören wir zum Beispiel dann vom Streit der die beiden vor zehn Jahren trennte einmal aus der Sicht Maxi's und einmal aus Hanna's sicht. Ein jedes Kapitel teilt sich dabei in zwei Sektionen, einmal die Erzählung der Ereignisse durch jeweils Maxi oder Hanna, und im Anschluss daran der eMailverkehr der beiden.

Von dieser Struktur rührt dann wohl auch der erst mal etwas befremdlich wirkenden Titel: Muttertier @n Rabenmutter; es hat eine ganz Zeit gebraucht bis mir klar wurde dass das @ Zeichen hier nicht für das englische "at" stehen soll sondern für ein stilisiertes deutsches "a".

Doch da die beiden beinahe Kinder der 80er sind, konnte die Erzählung bei mir trotzdem schon vom Start weg Punkten, mit solch Jugenderinnerungen wie dem dunkelgrünen (Post gemieteten) Wählscheibentelefon der Vor-Internet Ära.

Allerdings, wenn ich sage Erzählung, dann ist das Wörtlich zu nehmen. Konsequent stellen sich die Autorinnen gegen den vielbeschworenen Leitsatz des Show don't tell (Zeigen, nicht Erzählen), tut dem ganzen aber keinen Abbruch: es liest sich flüssig, mit sympathischen Charakteren in nachvollziehbaren Lebenssituationen.

Das ganze präsentiert sich dabei als typischer Frauenroman, es geht um Freundschaft, Kinder, die Probleme im Umgang mit anderen Müttern und um Jobsuche - aber nicht, oder zumindest nur am Rande, um Männer. Nach einer Flut von Romance, Paranormal Romance und Urban Fantasy Romanen war es eine wirkliche Wohltat mal wieder einen von einer Frau (oder hier Frauen) geschriebenen Roman in den Händen zu halten, deren (Weibliche-)Charaktere sich nicht über ihre Beziehung zu- oder Sehnsucht nach einem Mann definieren, bzw. einen Roman der nicht auf der Chick-Lit Schiene mit seinen, im Umgang mit anderen Frauen, oft unerträglichen zynischen Charakteren, daherkommt.
Kurz: Perfekte Strandlektüre.



                                                                                Von: Maxi Gesendet: Montag, 11. Mai 2009, 21:11 
                                                                                An: Hanna 
                                                                                Betreff: Du hast ein YouTube-Video erhalten!   
 
                                                                                Weißt du noch, wir zwei bei Brinkmann?