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Samstag, 14. März 2015

Eleanor & Park






Eleanor & Park, Rainbow Rowell
(Hanser, 2015)

"Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit...." *


Klappentext:
 Sie sind beide Außenseiter, aber völlig verschieden: Die pummelige Eleanor mit ihrer roten Lockenmähne und den viel zu weiten Herren-T-Shirts, und der gutaussehende, aber zurückhaltende Park. Als er ihr im Schulbus notgedrungen den Platz neben sich frei macht, halten sie wenig bis nichts voneinander. Park liest demonstrativ oder hört Musik, Eleanor ist froh, nur ignoriert statt gemobbt zu werden. Zu Hause hat sie mit vier Geschwistern und einem tyrannischen Stiefvater genug Ärger. Doch als sie beginnt, Parks Comics stumm mitzulesen, entwickelt sich ein ganz eigener Dialog zwischen den beiden. Zögerlich tauschen sie Lieblingsmusik, Meinungen und Vorlieben aus. Dass sie sich ineinander verlieben und eine Chance kriegen, scheint beinahe unmöglich. Doch ihre Annäherung gehört zum Intensivsten, was man über die Liebe lesen kann.


 Nun, obwohl ich das Buch geliebt habe und es ganz klar eine jener Geschichten ist die ich kaum mehr aus der Hand legen wollte nachdem ich einmal begonnen hatte, kann ich mich dem nicht Anschließen, dass es "zum Intensivsten, was man über die Liebe lesen kann" gehört; wohl aber mit zum ehrlichsten.

 Rainbow Rowell schafft es realistisch handelnde Charaktere zu schaffen die einem trotz ihrer Fehler an das Herz wachsen, genau durch diese aber auch immer nachvollziehbar bleiben. Der Reiz des Buches liegt in der Banalität der Ereignisse - die Alltäglichkeit des Schulmobbings und selbst das zerbrochene Heim, welche Eleanors Leben zu einer Pendelfahrt zwischen zwei Kriegszonen macht, es ist fast nüchternes Aufzeichnen nur, dessen wie einen der Lebensalltag unwiederbringlich zu zermürben droht.

 Sie erzählt ihre Geschichte ohne große dramatische Effekte, aber schafft eine greifbare Spannung. Es liegt ein ständiges Gefühl der Bedrohung über der Handlung, ausgehend vom Liebhaber von Eleanors Mutter, Richie. Richie ist ein gewalttätiger Mensch, ein Trinker der Eleanors Mutter psychisch und physisch missbraucht, der die Familie mit unvorhersehbaren Wutattacken terrorisiert und Eleanor immer wieder verbal niedermacht.
Die Situation an der Schule ist kaum besser für Eleanor, hier sieht sie sich als designierte Außenseiterin ständigen Angriffen durch ihre Mitschüler ausgesetzt. Gefangen zwischen diesen beiden Polen gibt es für sie keinen Ort des Rückzugs,

 Sie hatte noch nie das Gefühl gehabt, irgendwohin zu gehören, außer, wenn sie auf ihrem Bett lag und so tat, als wäre sie woanders.

bis sie Park näher kommt.
Dem "blöden kleinen Asiaten" der ihr im Bus erlaubt hat sich neben ihn zu setzen, der, als er mitbekommt das Eleanor seine Comics auf der Fahrt mitliest, die Seiten ein klein wenig weiteröffnet und etwas länger wartet mit dem Umblättern...

 Park mit seinen fast schon eine Idee zu perfekte Eltern, die sich Lieben und dies auch zeigen, bildet den Gegenentwurf zu Eleanors Leben. Im Gegensatz zu Eleanors Familiensituation zeigen Parks Eltern zudem ein außergewöhnliches Vertrauen zu ihrem Sohn, bemühen sich um eine offene Kommunikation mit ihm, und gestehen auch schon mal Fehler ein.
Ein Idealbild einer Familie, aber ein Willkommenes welches der oft bedrückend realistischen Darstellung von Eleanors Situation wohltuend entgegen steht.

 Die Liebesgeschichte zwischen Park und Eleanor fügt sich nahtlos in den ruhigen Handlungslauf ein. Ohne viel Glanz und Glamour erzählt, liegt die Romantik der Geschichte vielleicht gerade in der Nüchternheit mit welcher Rowell aufzeigt wie einem die banalsten Dinge plötzlich großartig und Lebensverändernd erscheinen können.

 Für mich Punktet der Roman ganz klar mit seiner realistischen Darstellung davon wie sich junge Menschen in einander verlieben. Geprägt durch Vorsicht und Selbstzweifel kommt es zur langsamen Annäherung der Beiden. Dabei scheut Rowell nicht den Blick auf die Schattenseiten ihrer Charaktere. Da sind Eleanors Zweifel daran das sich ein junge wie Park ungeachtet ihres Sozialenstandes, ihrer Armut und ihres Aussehens für sie interessieren könnte. Eleanor ist nicht "Nett", weder optisch in ihren Abgerissenen Second Hand Klamotten, noch in ihrer ablehnend aggressiven Art. Eleanor selbst beschreibt sich als Fett und unattraktiv, und auch Park lässt sich nie dazu hinreisen sie als Schön zu bezeichnen.

 Eleanor hatte recht: Sie sah nie schön aus. Sie sah aus wie ein Kunstwerk, und Kunst musste nicht schön sein; Kunst sollte etwas in einem auslösen.

 Zudem fürchtet er sich zunächst seine Attraktion zu ihr zuzugestehen; nicht sich selbst und schon gar nicht öffentlich, aus Furcht um seine ihm relative Sicherheit gewährende Stellung in der Schulhierarchie.

 Rowell beschreibt die aufkeimende Liebe immer authentisch, schafft es aber dem zum Trotz sehr schnell eine der natürlichen Lebenstristesse entgegenstehende, hoffnungsgebende, romantische Grundstimmung zu erzeugen, die den Leser wider besseren Wissens, denn dieses wird schon im Prolog negiert, auf ein Happy-End für die beiden hoffen lässt.

 Ganz Persönlich konnte mich das Buch dabei vor allem dadurch für sich gewinnen das hier Sex nicht das Ziel ist, sondern eher die logische Fortführung einer auf aufrichtigem Interesse am jeweils anderen basierenden Attraktion.
Eine leise, meist unspektakuläre Geschichte über ehrliche Emotionen.


Ein großes Lob zu dem noch an den Hanser Verlag, der bietet nämlich zum Buch auch ein Glossar an, über das sich unter anderem die diversen, mir oft gänzlich unbekannten da weitgehend aus dem Punk/Indie Bereich stammenden, Bands schnell nachschlagen lassen: Linky


 Kritik lässt sich vielleicht daran üben, dass das Setting in den 80er Jahren kaum mehr denn Fassade scheint, dadurch fehlte mir ganz persönlich ein wenig der Nostalgiefaktor den ich mir erhofft hatte, dies schmälerte allerdings meinen Lesegenuss nicht und macht das Buch sicherlich zugänglicher für jüngere Generationen. Auch spielen Musik und Comics nicht die große, tragende Rolle die man vom Klappentext her vielleicht vermuten wollte, doch auch hier gilt das dies sicherlich der Zugänglichkeit des Textes zugute kommt.
 Was mich eingangs irritierte beim Lesen, ist das wir nie so recht erfahren wie es zum sozialen Absturz der Familie kam, es wird aber offenbar zwischen den Zeilen das es ein früheres, gutes Leben gab für Eleanor und ihre Mutter - eine Zeit vor Richie.


 Im Hinblick auf die Erwähnung im Umschlagtext, das Eleanor & Park von Dreamworks verfilmt werden soll, ein paar ergänzende Gedanken:

 Eleanor & Park, das liest sich ein ganz klein wenig wie eine Independent Produktion von Pretty in Pink (1986, John Hughes) oder wie der Film sich angefühlt hätte, wäre er eine Britische Produktion gewesen. Ehrlich, die Armut nicht beschönigend, kein sozial inkompetenter aber liebender Vater, keine charmante, zuckersüße Außenseiterin die es einem einfach macht, sich in sie zu verlieben... Eleanor ist keine Andie. Genau das aber, fürchte ich wird Hollywood aus ihr machen. Anders als auf den Britischen Inseln, gibt es in der US Filmindustrie eigentlich keine nennenswerte Tradition mit der Art von Jugend-Film, welcher Eleanor & Park es verdienen würde zu werden.
Vielleicht aber, man wagt es vage zu hoffen, schaffen sie es wenigstens einen annehmbaren Pretty in Pink Klon zu schaffen.

Mein obligatorischer Dank geht an
Lovelybooks.de, für die Leserunde,
den Hanser Verlag, für das Buch,
und meine Mitleser, für geteilte vergnügliche Lesestunden.



Nachtrag, beim stöbern im Netz bin ich auch noch auf ein wundervolles Lego Enactment eines Buchzitats gestoßen:
Lego Eleanor & Park



*Dickens mag es mir verzeihen dass ich seinen Buchanfang immer wieder heranziehe in solchen Fällen, aber treffender lassen sich die Jugendjahre, die Schulzeit, die erste Liebe einfach nicht auf den Punkt bringen.

Sonntag, 16. Februar 2014

The Day of the Triffids









The Day of the Triffids, John Wyndham
(Penguin Books, 1973)


 Es begann mit den Triffids.
 Eine zunächst namenslose neue Pflanzenspezies, von der es heißt man habe sie tief in den Dschungeln des Amazonas entdeckt, revolutioniert den Ölmarkt. Triffid Öl erweist sich als hochgradig potenter denn herkömmliches Sonnenblumen Öl, und die Pflanzen werden durch ihre einfache Reproduzierbarkeit zur perfekten, jedoch nicht völlig ungefährlichen Alternative. Bei den Triffids handelt es sich um fleischfressende Pflanzen, welche fähig sind sich selbst fortzubewegen und bewehrt mit einem Giftstachel, den sie treffsicher auf eine Distanz von etwa drei Meter ausschleudern können, auf Jagd zu gehen.

 William Masen kennt die Triffids besser als viele andere, als Kind von einem Triffid angegriffen, war er fortan sein Leben lang von ihnen Fasziniert und arbeit nun auf einer Triffid-Farm. Bis ihn ein Arbeitsunfall der ihn beinahe das Augenlicht kostet ins Krankenhaus bringt.
Ironie des Schicksals, am Tag bevor ihm sein Augenverband entfernt werden soll geht ein Kometenschauer über der Erde nieder in dessen Gefolge es zu einem nie gesehenen, weltweiten Naturspektakel kommt das den ganzen Himmel grün aufleuchten lässt.
Am folgenden Tag ist die Welt erblindet, nur wenige die das Naturschauspiel nicht verfolgten entgingen diesem Schicksal und schnell bilden sich unterschiedliche Fronten aus.
William Masens erster Gedanke angesichts des Chaos eines blinden London, ist die Stadt zu Verlassen und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Es steht für ihn außer Frage das die Millionen von Blinden nicht lange Überleben werden und es von den ersten Toten bis zur Ausbreitung von Seuchen nur ein kurzer Zeitraum sein wird.
Doch eine weitere Gefahr wird zunächst unterschätzt, die Triffids welche den Menschen bisher kaum gefährlich werden konnten, solange man nur eine gewisse Vorsicht walten ließ, wachsen gegen eine blinde Menschheit zur tödlichen Bedrohung.
Der Tag nach dem Kometenschauer, wird zum Tag der Triffids.



 Dank einer großzügigen GoodReads Tauschpartnerin, sind im letzten Monat mehrere Werke des Britischen Autors John Wyndham im Original bei mir eingezogen, darunter unter anderem The day of the Triffids, welchen ich vor Jahren in der deutschen Übersetzung gelesen habe.

 Das erste das dem geneigten Leser der neu zu Wyndham stößt, an The day of the Triffids auffallen mag, ist sicherlich wie sehr die Eingangssequenz an die Eröffnung des Horrorfilms "28 days later" erinnert. Der Held des Romans, William Masen, erwacht in einem verlassen erscheinenden Hospital, noch ahnungslos dessen was der Welt widerfuhr, und findet sich nach verlassen desselben erst einmal in einem wie ausgestorben daliegenden London wieder.
Dies alles nimmt der Autor gekonnt im Einprägsamen Anfangssatz vorweg:

 When a day that you happen to know is Wednesday starts off by sounding like Sunday, there is something seriously wrong somewhere.*

Weitere Szenen des Romans, wie z.B. die Belagerung unserer Helden, welche sich hinter einem elektrischen Schutzzaun verschantzen, durch die Triffids, erinnern uns heutzutage an ganz ähnliche Bilder aus der Welle der Zombie-Filme, welcher ja auch "28 Days" entsprang.
 Das zweite dass der moderne Leser bemerken mag ist welch strikten Rollenbildern die Charaktere folgen, dies macht sich einem besonders gegen Ende hin bewusst wenn es heißt:

 I thought of Coker and his talk of the leader, the teacher, the doctor - and of all the work that would be needed to support us on our few acres.
...
Of Susan who should have the chance of a husband and babies.

 Zu Wyndhams Ehrenrettung muss an dieser Stelle erwähnt werden dass der Autor um die Jahrhundertwende, genauer 1903, das Licht der Welt erblickte, und von daher natürlich von einem ganz anderen Frauenbild geprägt wurde.

 Wyndham gehört mit zu den bekanntesten und wohl einflussreichsten Autoren der Britischen SF, und sein The Day of the Triffids brachte es dadurch auf bisher drei Verfilmungen unterschiedlicher Qualität.
(Und auch ein hoch amüsantes Enactment: Day of the LEGO Triffids! - leider ist vom originalen Posting nur noch diese Bild übrig, als Trost hier noch eine neuere Lego Version: Day of the Triffids)
Ist das Grundgerüst seiner Romane zwar meist geprägt von immer noch aktuellen Ängsten, Day of the Triffids zeigt sich mit Themen wie Genmanipulation an Pflanzen und der Furcht vor einem satellitengestützten globalen Kriegsakt,  gar überraschend vorrausblickend** einerseits, muten sie auf Grund fehlender wissenschaftlicher Kenntnisse, oder eventuell einfach tieferer Interessen seitens des Autors, nicht extra zu erwähnen die oben genannte gesellschaftliche Prägung, auch oft hoffnungslos überholt an.

 Wer jedoch bereit ist sich darauf einzulassen, den erwartet mit The Day of the Triffids ein noch immer gut unterhaltendes, eben nicht so ganz wissenschaftliches Stück Post-Apokalyptischer Science Fiction.


 Leider musste ich beim herauskramen meiner vor Jahren gelesenen Heyne Übersetzung des Buches feststellen das diese zwar mit einem weit ansehnlicheren cover daherkommt, aber stark gekürzt wurde gegenüber dem Original Text***, ca. 80 Seiten weniger, und, wie um Verletzung noch Beleidigung hinzuzufügen, sehr Schlampig übersetzt dazu:

 Das St.-Merryns-Spital lag an einer Haupstraße, nahe einer verkehrsreichen Kreuzung; weshalb man es da hingebaut hatte und die Nerven der Patienten einer dauernden Belastung aussetzte, habe ich nie ergründen können. Den weniger empfindlichen Kranken mochte der ununterbrochene Verkehrslärm das Gefühl geben, dass sie auch in ihren Betten dem Leben nahe blieben.

( Why the founders of St Merryn's Hospital chose to erect their institution at a main road crossing upon a valuable office-site and thus expose their patients' nerves to constant laceration, is a foible that I never properly understood. But for those fortunate enough to be suffering from complaints unaffected by the wear and tear of continuous traffic, it did have the advantage that one could lie abed and still not be out of touch, so to speak, with the flow of life.)


Die aktuelle BBC Verfilmung (2009) greift Wyndhams Vorlage sehr frei auf, versucht das ganze etwas zu modernisieren. Aus dem Kometenschauer der Vorlage wird eine Sonnen-Protuperanz deren unerwarteter Nebeneffekt das Erblinden aller Beobachter ist. Die Herkunft der Triffids liegt hier nicht mehr jenseits des Eisernen Vorhangs, sondern im, im Buch nur als Vorwand angegebenen, Amazonasgebiet. William Masen der im Buch als eine Art Triffid-Gärtner arbeitete wird in der Verfilmung zum Wissenschaftler, der getrieben durch den Tod seiner Mutter, die Triffids selbst erforscht.
Trotz dieser und anderer Änderungen in der Grundkonstellation folgt die Geschichte nach wie vor in großen Zügen der Romanvorlage so das diese durchaus noch erkennbar bleibt, und bietet, mit einigen Effekten angereichert, zumindest kurzweilige Unterhaltung.



*   Frei übersetzt: "Wenn ein Tag von dem du weißt das es Mittwoch ist, damit beginnt dass er wie Sonntag klingt, dann ist irgendwo etwas ernsthaft nicht in Ordnung."
**  Erstveröffentlicht in 1951, dreißig Jahre vor Reagans "Star Wars" Projekt (SDI - Strategic Defense Initative).
*** Die aktuell erhältliche Neuübersetzung, scheint jedoch den ungekürzten Text wiederzugeben, stützt sich allerdings augenscheinlich dabei auf die erwähnte Übersetzung.