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Sonntag, 27. August 2017

Der Talisman









Der Talisman, Stephen King & Peter Straub
(Hoffmann und Campe, 1986)

Klappentext:
 Der zwölfjährige Jack Sawyer hat eine weite, abenteuerliche Reise vor sich: er begibt sich auf die Suche nach dem Talisman, der allein durch seine magische Kraft Jacks todkranke Mutter retten kann. Um ihn zu erreichen, muß Jack nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika vom Atlantik bis zur Pazifikküste durchqueren, sondern auch ihre geheimnisvolle, phantastische Gegenwelt: Die Region.

 Die Region: so wirklich und zugleich unwirklich wie Atlantis oder Avalon, und an das Mittelalter der Menschheit gemahnend, ist sie eine Welt magischer Spiegelungen. Was hüben geschieht, kann drüben entsprechende Begebnisse auslösen. Menschen dieser Welt haben in der Region ihre „Twinner“: So Jacks Mutter in der gleichfalls kranken Königin der Region, so Morgan Sloat, der Jacks Vater ermorden ließ, in Morgan von Orris, dem Feind der Königin und Herrn einer gespentischen Armee von Monstren und Werwölfen; so endlich der sadistische Reverend Sunlight Gardener, Leiter eines sinistren Erziehungsheimes für jugendliche, in Osmond, den die Bewohner der Region „Den mit der Peitsche“ nennen.

 In beiden Welten hat Jack auf seiner Suche nach dem Talisman Abenteuer zu bestehen, Mut zu beweisen und Gefahren zu überwinden, aus denen ihn oft nur das „Flippen“ rettet: Der Sprung in die jeweils andere Welt. Doch hier wie dort liegen Idyll un Entsetzen nahe beieinander: Horror und Fantasy durchdringen sich in einer Geschichte von faszinierendem Bilderreichtum und atemberaubender Spannung.
(Text: Hoffmann und Campe)


 Um ’83-’84 machte ich nacheinander lesend Bekanntschaft mit zwei der damals als die zeitgenössischen Horrorautoren gehandelten Schreibern.
 Von den beiden kam Peter Straub zuerst, sein hoch gelobtes Geisterstunde viel mir auf einem Kaufhausgrabbeltisch in die Hände. Nach einem fantastischen Einstieg, neben Kings Es der einzige welcher für sich beanspruchen kann mir den Schlaf geraubt zu haben, verlor sich die Erzählung in scheinbar zusammenhangslosen Geschichtssträngen.
Man muss Straub jedoch anrechnen das er es geschafft hat auf den ersten Seiten eine Atmosphäre der Bedrohung zu schaffen welche bis hin zur Mitte des Buches anhält, ohne das je wieder etwas passiert... kurz gesagt, irgendwann hat mein jugendliches Ich die Seiten nur noch überblättert um zu sehen ob sich doch noch ein Sinn ergibt. Noch kürzer gesagt, sehen sie sich den Film an, der erzählt die Geschichte sehr viel durchschaubarer und mit anhaltender Spannung.

 Im selben Jahr verfilmte John Carpenter den Roman Christine, von Bestsellerautor Stephen King. Der Film, welcher außerhalb von Carpenters Fangemeinde eigentlich durchgehend schlechte Kritik erntete, gehört immer noch zu meinen Lieblingen. Der Film war auch der Grund weshalb ich mir das Buch kaufte kaum das ich ihm ansichtig wurde (ich war damals noch in der Lehre und konstant knapp bei Kasse, weswegen ich mir das Geld dafür von meinem Bruder leihen musste – ich hoffe das ich es ihm auch wieder zurückgezahlt habe, denn sonst wäre es von Rechtswegen immer noch sein Buch...).
 Von Straub habe ich Jahre später noch ein oder zwei Kurzgeschichten angelesen, nur um festzustellen das Geisterstunde ganz dem typischen Straubstil entsprach – welcher mir nicht lag. Straub gab ich auf, King war ich ab Christine verfallen und verschlang seine Werke mit weitgehend anhaltender Begeisterung, mit einer Ausnahme: Der Talisman, eine Kollaboration zwischen den beiden Autoren.
 1986 im Hoffmann & Campe Verlag erschienen wanderte das Buch zwar wohl unmittelbar nach erscheinen in meine Buchschrank, verweilte dort jedoch, nach kurzem Anlesen, auch bis vor wenigen Wochen. Letztlich habe ich mich doch wieder daran gewagt, und nach einem monat Lesezeit es diesmal auch geschafft Jacks Reise bis zu ihrem Ende zu verfolgen.
 Meine Begeisterung für das Werk hält sich immer noch in Grenzen. Durch die lange Lesezeit fallen einem zu viele Ungereimtheiten auf, es ist schwer zu sagen wie exakt die Geschichte umrissen war, als die beiden anfingen daran zu Schreiben, und zu oft fühlt man sich beim Lesen an Tolkien erinnert. Zugegeben, es dürfte schwer bis unmöglich sein nach dem Vater der Nach-Arthurischen Quest Fantasy, noch einen Quest Fantasyroman zu schreiben der nicht an ihn gemahnt. Das Problem ist einfach das Tolkien mich durchgehend fesseln konnte, auch dann noch wenn er sich nur in Weg- und Landschaftsbeschreibungen erging.
Dieses Talent haben weder Straub noch King.

 Zu den Ungereimtheiten, welche darauf hinzuweisen scheinen das die Regeln des Romans sich ein Stückweit tatsächlich erst im Verlauf des Schreibprozesses herauskristallisiert haben, gehört besonders markant das es zu einem Späteren Zeitpunkt im Buch heißt, dass nur Jack in der Lage sei durch die Region zu Reisen, da sein Zwilling verstorben ist. Zuvor jedoch hören wir von Jack und seinem Freund jeweils eine Geschichte in der sie ihre Väter dabei beobachtet haben wie sie einen Raum (respektive einen Wandschrank) betraten um später von einem anderen Ort wiederzukehren. Dem widerspricht die Darstellung eines Übertritts von Morgan Sloat, der beim Wechseln in die Region, immer nur in den Körper seines Twinners springen kann, somit nur dorthin Reisen kann, wo dieser sich gerade befindet, und bei seiner Rückkehr in den eigenen Körper sich wieder an seinem Ausgangspunkt findet.
Eine Kleinigkeit, zugegeben, aber der Roman entwickelt sich so Spannungsarm, beziehungsweise wechselt er bis zum Showdown konstant zwischen Spannenden und mühsam zu lesenden Kapiteln hin und her, so das man sehr viel Zeit hat sich um solche Dinge Gedanken zu machen.

 Laut einem King lesenden Geschäftskollegen (aber wer aus meiner Generation wäre auch kein Kingleser gewesen?) entstand der Roman als Experiment zwischen den beiden Autoren, wobei der eine ein Kapitel vollendete und dann das Material dem anderen zusandte der die Geschichte an dieser Stelle aufgegriffen und weitergesponnen hat. Angesichts der Jahreszahl ist der Begriff „zugesandt“ hier vermutlich sogar wörtlich zu nehmen. Diese herangehensweise an ihr Schreibexperiment erklärt vermutlich die auftretenden Ungereimtheiten im Roman, sowie die wechselhafte Spannungsentwicklung.

 Ich möchte mir nicht anmaßen zu sagen, das man, zumindest ich aber, herauslesen könnte an welchem Abschnitt welcher Autor schrieb. Es gibt Szenen im Roman, welche ich vor dem Lesen von Schwarz, eventuell ungerechtfertigt, Straub zuschrieb, und es gibt solche die so klar Kings schriftstellerische Stärke reflektieren, sprich seinen Cineastisch geprägten Erzählstil aufweisen, das ich wenig Zweifel an der Urheberschaft hege.
Und es gibt die sehr King typische Bildsprache, welche nicht immer logisch aber ungemein plastisch und einprägsam daherkommt.
 Diesmal spürte er nicht nur, wie das Hotel zuhörte; diesmal schien es ringsum zurückzuweichen wie das Gewebe eines Verdauungsorgans vor einem vergifteten Stück Fleisch.

 Die Obsession mit Sex ist vermutlich beiden Autoren gemein, aber zum Glück im Talisman nie so vordergründig ausgeprägt wie in der Dunkler Turm Heptalogie, in der, zumindest in Schwarz, wirklich jeder davon besessen ist. Fantasy für Freudianer...
Vergleiche zum Dunklen Turm drängen sich nicht minder auf, als solche zu Tolkien. Die Queste Jack Sawyers zum Schwarzen Hotel spiegelt schon sehr stark das Thema von Rolands Weg zum Dunklen Turm, fühlt es sich an. Und Der Talisman wird bei Goodreads auch als Pendant zu Kings Zyklus erwähnt. Die Elemente, allen voran der Weltenverbindende Talisman, sind gegeben.

 Nach einem langen, beschwerlichen Weg, für den Leser nicht minder als für Jack, und dem durchaus spannend geratenen Showdown, folgt der nicht weniger langatmig geratene Ausklang der Geschichte in dessen Verlauf King (Straub? Beide?) extrem moralisierend daherkommt, und mir zum ersten mal so richtig bewusst wurde wie stark Kings Erzählungen, aller Wetterei gegen christliche Kulte und selbsternannte Prediger zum Trotz, von einem US-Christlichen Welt- und Moralbild geprägt sind.
Es ist mir beim Lesen des Buches auch zum ersten mal Kings Neigung bewusst geworden, das Böse mit „sexueller Abartigkeit“ gleichzustellen – auch hier wieder, Freud lässt schön Grüßen.

 Persönlich würde ich Der Talisman keine Empfehlung aussprechen, doch muss der Roman gut genug angekommen sein, da er, wie nun auch The Shining, zwanzig Jahre Später eine weitere Zusammenarbeit der Autoren, an einem Sequel mit dem erwachsenen Jack, nach sich zog.

Samstag, 26. August 2017

tucking fypos



 Es ist, nun, adorable, wie Zoe in Mary D. Brooks' Nor the Battle to the Strong (2017, ca. S. 213), aus einem "Es sind" ein "Sie sind" macht:

“Evy, come in here.” Zoe twisted around and noticed Eva peeking into the room but not entering. “You are adorable. They are no mice in here.”

Mittwoch, 23. August 2017

Cover Monday

 Cover Monday präsentiert von Moyas Buchgewimmel.



 Ich beteilige mich wieder einmal am Cover Monday und wieder mit etwas altem. Beim stöbern nach klassischen Romance Covers bin ich auf klassische Romantic Suspense Illustrationen gestoßen, deren Stil mich seit frühester Jugend begleiten und mir seit jeher sehr gefallen haben, nur dass ich den Namen des Künstlers nie kannte. 

 Bei dem Zeichern handelt es sich um den 2005 verstorbenen Allen Kass, der knapp fünzig Jahre lang tätig war.
Der Bastei Verlag hat viele seiner Illustrationen für die Spuk-Roman und Mitternachts-Roman Reihe verwendet, eventuell auch für andere.

 Ein großteil der Coverarbait des Künstlers lässt sich auf http://allankass.blogspot.de/ versammelt finden, neben weiteren klassischen Suspense Illustrationen viele seiner Romance Covers aus einer Zeit als das Augemerk hier noch auf Romance lag.

Schwarz / Drei








Schwarz & Drei, Stephen King
(Heyne, 1993)


 Mit hinblick auf die aktuelle Verfilmung und da ein Geschäftskollege mir von den Büchern so vorgeschwärmt hat, habe ich mich noch einmal an den Doppelband Schwarz und Drei gewagt, aus Kings epischer, post apokalyptischer mutliversums Heptalogie*.

 Was soll ich sagen, vielleicht war King ja schon immer so und mir ist das früher nur nicht so aufgefallen, denn ganz ähnliche Züge sind mir auch beim Lesen von Der Talisman bitter aufgestoßen, aber dieses Buch und ich wir werden unter Garantie keine Freunde werden. Die erste Geschichte im Band (Schwarz setzt sich aus lose verbundenen Kurzgeschichten zusammen scheint es), führt uns durch eine Erzählung ohne rechten Inhalt, voller verquaster Metaphern, vorangetrieben von einem frauenverachtenden Narrator ... yay, me! Not!

 Es ist dabei ein recht vielversprechendes Setting, das King hier bemüht. Eine postapokalyptische Welt beschrieben im Ton eines dreckigen Italowesterns. Männerliteratur eben, Dudelit, möchte man sagen. Wäre auch gar nichts dagegen einzuwenden, bekäme man da nicht permanent Sätze wie diese um die Ohren geschlagen:



 Kennerly war zahnlos und unangenehm und mit Töchtern geschlagen.
(S. 42)

 Er hatte brutal mit ihr geschlafen, nachdem sie ihm gesagt hatte, was er wissen wollte, und sie hatte das bevorstehende Ende gespürt und mehr gegeben, als sie jemals zuvor gegeben hatte, und sie hatte es in der heraufziehenden Dämmerung voller Verzweiflung gegeben, hatte es mit der unermüdlichen Energie einer Sechzehnjährigen gegeben. Aber heute Morgen war sie blaß und wieder am Rand des Klimakteriums.
(S. 52)

 Der Revolvermann pustete sie um, und sie landete mit hurenhaft gespreizten Beinen und über die Schenkel gerutschtem Rock.
(S. 60)

Dazu kommt eine Szene in welcher der Revolvermann eine Frau mit einer seiner Pistolen vergewaltigt und ähnliche unannehmlichkeiten. Es ist ein Buch gewordener 70er Jahre Exploitation-Streifen, von Start bis Ende gespickt mit sexuellen Gewaltfantasien und der bereits erwähnten offenen Verachtung für das Weibliche, man kann sich nicht des Gefühls erwehren das der Autor in jenen Tagen mit ein paar ernsthaften psychischen Problemen zu kämpfen gehabt haben muss.
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*Jepp, das musste ich nachschlagen. 

Donnerstag, 10. August 2017

31 Tage - 31 Bücher / Filme

Tag 19

Mit welchem Satz beginnt dein jetziges Buch?

Aktuelles Buch: Am 15. September 1981 stand ein Junge namens Jack Sawyer da, wo Wasser und Land zusammentreffen, die Hände in den Taschen seiner Jeans, und blickte hinaus auf die Weite des Atlantiks.
(Der Talisman; Stephen King, Peter Straub)

Der Talisman liegt, plus/minus ein paar Tage, seit seinem Erscheinen in '84 auf meinem SuB. Jetzt habe ich mir vorgenommen es endlich durchzulesen, aber das Buch zieht sich. Dass ich kein wirklicher Fan von Co-Autor Peter Straub bin tut hier sicher sein übriges zu.

Aktuelles eBook: Everything has a spirit: the willow tree with leaves that kiss the pond, the stream that feeds the river, the wind that exhales fresh snow ...
(The Reluctant Queen; Sarah Beth Durst) 

Dies war ein kostenloser Donwload von der Amazon Seite, und nicht nur das Cover ist wunderschön, die Autorin ist gerade im Begriff zu meiner neuen Lieblingsautorin zu avancieren.
Wenn das Buch sein Spannungs- und Unterhaltungslevel bis zum Ende durchhält, zieht auf jeden Fall auch The Queen of Blood bei mir ein.
 




Welcher Film hat dich zuletzt stark beeindruckt?

Gar nicht so einfach zu beantworten die Frage, Sophie Scholl - Die letzten Tage (Marc Rothemund, 2005) hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, Das geheime Leben der Worte (Isabel Coixet, 2005) ist ein Film der mir immer noch nachgeht.

Samstag, 22. Juli 2017

tucking fypos


 Ich möchte mal hoffen das Matt Lee Marschall beim Verfassen seiner Geschichte Hallow (Amazon 2016, ca. S.41) nur die Finger vorausgeeilt sind, wenn die zum Ende in Kapitel Sieben hin vorausgesehene Hinrichtung so quasi zum BDSM Grillfest wird:
"She was certain that she would be dead within a day. She saw it in her dreams, tied to a steak as flames ate her flesh and charred her bones."

Montag, 10. Juli 2017

A different Blue








A different Blue, Amy Harmon
(2013, Smashwords)


Kurzinhalt:
 Blue Echohawk ist in ihrem letzten Schuljahr. Sie ist ein Inbegriff der rebellischen Schülerin, trägt zu viel Make-Up, zu enge Kleidung und fordert die Lehrer heraus. Sie ist beliebt bei den Jungs, doch lässt keinen von ihnen emotional an sich heran. Wenn ihr danach ist schnappt sie sich einen für ein schnelles intimes tête-à-tête und das war es dann auch.
 Doch in diesem Jahr kommt ein neuer Geschichtslehrer an Blues Schule, Darcy Wilson. Der Brite fordert mehr von seinen Schülern als nur Geschichte zu Lernen, er fordert sie auf sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinander zusetzten.
 Blue verweigert sich Wilson zunächst, fordert ihn heraus, versucht ihn auf die Palme zu bringen, doch der junge Lehrer scheint Blue von Anfang an zu Durchschauen, hinter die sorgfältig aufgebauten Fassaden zu Blicken welche Blue so lange erfolgreich zu Schützen vermochten.
 Blue Echohawk, kennt ihre Geschichte nicht. Sie weiß nicht wie alt sie wirklich ist, was ihr wahrer Name ist oder wer ihre Eltern sind. Sie wurde im Alter von zwei Jahren von ihrer Mutter ausgesetzt und dem Indianer Jimmy Echohawk aufgezogen … Blue ist ein Mädchen ohne Geschichte und zuviel unverarbeitetem Zorn in sich.


Ein paar generelle Anmerkungen:
 Es ist immer wieder ein schönes Gefühl wenn man in einer Geschichte auf die Passage trifft, welche ihr den Namen gab. A different Blue, das ist was eine andere Vergangenheit aus Blue gemacht hätte. Eine andere Blue, das ist es auch was die Charaktere im Verlauf der Geschichte wird. Eine andere, aber trotzdem Für immer Blue, wie es der deutsche Titel erfasst.
 Auch wenn nicht alles rund läuft für mich in der Geschichte, und es Entwicklungen gab die mir, nun, problematisch erscheinen (dazu mehr in der Spoiler Sektion) hat es mich sehr gefreut wie Amy Harmon die Entwicklung von Blue beschreibt.

 Blue ist von Anfang an eine Rebellin mit viel zu großem Herzen, sie ist eine Einzelgängerin – weitestgehend, sie kann es nicht vermeiden von zwei mexikanischen Kids „Adoptiert“ zu werden die wohl als einzige noch verlorener sind in der Welt als Blue – aber nicht bösartig oder selbstzerstörend. Blue ist das was man, wäre sie ein Mann, „sexual assertive“ nennen würde, aber weil sie eine Frau ist sie zur „Schlampe“ abstempelt.
 Dieser Teil wird von Amy Harmon überraschend gut gehandhabt und ist eine der Stärken der Erzählung. Amy macht uns zornig, nicht auf Blue, sondern auf ihr Umfeld, das diese starke junge Frau die Vorurteile ihrer Umwelt verinnerlichen lässt so das sie selbst glaubt Müll zu sein.
 Frei nach Stephen Chbosky
„Wir nehmen die Liebe an, von der wir glauben, dass wir sie verdienen.“


 Am Ende ist Blue eine andere, nicht mehr das Mädchen das mit Jungs schläft um sich für einen flüchtigen Augenblick geliebt zu fühlen, wichtiger noch aber nicht mehr die Blue welche glaubt das dies irgendwie ihren Wert als Mensch mindert. Ich mochte das und hätte gerade von Amy Harmon eine so essentiell positive Botschaft zu Promiskuität nicht erwartet. Natürlich bleibt Harmon sich und ihrem Glauben treu, natürlich findet auch Blue im Verlauf des Buches zu einem Glauben an Gott, aber die Autorin schafft diesen Wandel überzeugend zu vollziehen und ganz ohne Slut-Shaming.

 Der Klappetext zur deutschen Ausgabe spricht von einer „verbotenen“ Liebe zwischen Blue und ihrem Lehrer. Das ist, pardon, kompletter Unsinn. Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich mit Blues Schulzeit unter Wilson, in welcher nichts verboteneres zwischen ihnen geschieht als das ein Lehrer eine Schülerin herausfordert über ihre Selbstzweifel hinaus zu wachsen. Die, sich langsam und in keiner Weise unziemlich entwickelnde, Liebesgeschichte zwischen den nimmt eigentlich erst ab der zweiten Hälfte des Buches ihren Anfang, nach dem Blue die Schule abgeschlossen hat und aus finanziellen Gründen bei Wilson als Untermieterin einzieht.

 Die Liebesgeschichte zwischen Blue und Wilson ist eine weitere Stärke des Buches. Sie entwickelt sich langsam und glaubhaft, es ist eine sachte Annäherung in kleinen Schritten. Wilson lässt Blue Zeit sich zu entfalten, ihre Stärken zu erkennen und hilft ihr, wann immer sie ihn lässt, sich mit ihrer Vergangenheit auseinander zusetzten.

 Die Geschichte um Blues Familie und wie und warum sie zu Jimmy Echohawk kam, greift nicht immer ganz glaubhaft ineinander, hier und bei ein paar anderen dramatischen Entwicklungen begeben wir uns schon gelegentlich auf Seifenopernniveau. Trotzdem, Blues Erinnerungen an ihren Ziehvater sind zutiefst Herzerwärmend.


Spoiler Sektion

 Ich habe es oben schon gesagt, gewisse Plotpunkte erscheinen etwas bedenklich.
Blue wird durch kurz vor Ende des Schuljahres Schwanger, da sie den Vater ihres Kindes nicht liebt und selbst nicht glaubt alleine für ein Kind sorgen zu können, gibt sie ihr ungeborenes Kind zur Adoption frei – an Wilsons Schwester.
 Für Melody wird somit irgendwann der Tag kommen an dem sie erfahren muss, dass die Schwägerin ihrer Mutter in Wahrheit ihre, Melodys, leibliche Mutter ist. Dürfte für eine interessante Pubertät sorgen.


 Der perfekte Wilson, versagt einmal mit Pauken und Trompeten.
Zum Ende des Buches hin, als Blue sich bereit macht eine Ausstellung ihrer Stücke zu Besuchen, sieht er sie komplett herausgeputzt und Spiegelt all die Vorurteile die Blue all die Jahre  über sich ergehen lassen musste und welche sie endlich hinter sich gebracht hat.
 Heuchlerischer Weise sagt er später er habe Blue immer geliebt und ihr Vertraut. Nun offensichtlich nicht so ganz. Es traurig und einer der ärgerlicheren Fauxpas im Buch das Wilson Blue zwar seine Liebe gesteht, aber diese Liebe offenbar nie tief genug, oder ehrlich genug ist ihn erkennen zu lassen das er sich an diesem Abend wie kompletter Bastard benahm und sich wenigstens aufrichtig dafür zu Entschuldigen. Das hat mir ganz persönlich die Freude am Ende ein Stück geschmälert.


Spoiler Ende


 Wer sich Amy Harmon einmal annähern will, liegt im Kern mit keinem ihrer Bücher falsch. Die Autorin ist ungemein lesbar, aber, ich möchte dies erneut unterstreichen da ich auch schon Kritiken zu ihren Büchern gelesen habe die ihr gerade dies ankreiden, man muss sich bewusst sein dass sie eine gläubige christliche Autorin ist. Das Verhältnis zu Gott oder finden zu Gott ist für ihre Protagonisten oft wichtiger Teil ihres Weges und/oder Wesens.
Meine persönliche Empfehlungspräferenz wäre es jedoch Making Faces (dt. Vor uns das Leben) vor A different Blue (dt. Für immer Blue) zu Lesen.



Zum Roman hat die Autorin auch einen Bonus Epilog verfasst, diese Szene kann hier finden:
http://totallybookedblog.com/2013/04/12/exclusive-epilogue-from-a-different-blue-by-amy-harmon/